Donnerstag, 22. Januar 2015

Analyse der Lawinensituation in Tirol – im Norden deutlich günstiger als weiter im Süden, Altschnee bleibt unverändert störanfällig!

Generell gilt, dass die Verhältnisse im Außerfern, im Arlberggebiet, den Nordalpen und den Kitzbüheler Alpen deutlich günstiger sind als weiter im Süden. Dies hat einerseits mit der Ausaperung vor Weihnachten in besonnten Hängen sowie allgemein in tiefen und mittleren Höhenlagen zu tun. Dadurch fehlt die im übrigen Tirol häufig störanfällige Altschneedecke vom Herbst. Andererseits ist dies auf die massiven Regenfälle zwischen dem 09. und 11.01.2015 und der anschließenden Abkühlung zurückzuführen. Dadurch hat sich ein dicker, die Schneedecke stabilisierender Schmelzharschdeckel ausgebildet. Dies gilt v.a. für Höhenlagen unterhalb von 2500m. Darüber kann die Schneedecke derzeit v.a. im sehr steilen, schattigen Gelände insbesondere durch große Zusatzbelastung an schneearmen Stellen gestört werden. Zusätzlich ist im Norden derzeit auf kleinräumige, frische Triebschneepakete in großen Höhen zu achten.

 

Vergleichsweise günstige Situation in den Kitzbüheler Alpen (Foto: 18.01.2015)

 

Bei den weiteren Ausführungen konzentrieren wir uns auf die südlich vom Arlberg, dem Außerfern, den Nordalpen und den Kitzbüheler Alpen gelegenen Regionen. Richtung Süden nimmt nämlich die Anzahl der Gefahrenstellen im Gelände allgemein zu. Wir haben dabei auf zwei Probleme zu achten, das wichtigste ist die (unverändert) störanfällige Altschneedecke. Zudem handelt es sich um (kurzfristig) störanfälligen Triebschnee oberhalb etwa 2000m.

 

Das Problem innerhalb der Altschneedecke wurde u.a. auch durch die Neuschneefälle um den 17.01. augenscheinlich, als wir vermehrt spontane Lawinen beobachteten.

 

Am meisten schneite es in den Tuxer und Zillertaler Alpen mit lokal über 50cm

 

Spontane Lawine nördlich des Hohen Rifflers in den Zillertaler Alpen (Foto: 19.01.2015)

 

Die Besonderheit dieses Winters besteht darin, dass man innerhalb der Altschneedecke in allen Hangrichtungen bodennahe, lockere Schwachschichten findet, die zwischen Krusten (Regen-, Wind- bzw. Schmelzkrusten) eingelagert sind.

 

Ein häufiger Anblick: lockere, bindungslose Kristalle zwischen härteren Krusten in bodennahen Bereichen; Schmirntal, Tuxer Alpen (Foto: 18.01.2015)

 

In der Nähe unseres Profilstandortes am Weg zum Gaishörndl in Zentralosttirol lösten Wintersportler am 15.01. eine Schneebrettlawine aus. Zwei Teilverschüttete, unverletzt (Foto: 22.01.2015)

 

Durch starke Windtätigkeit sowie Wärmeeintrag (insbesondere während des Wochenendes 09.01.-11.01.2015) und anschließender Abkühlung haben sich inzwischen häufig oberflächennahe härtere Krusten gebildet, die von Neuschnee überlagert sind. Diese härteren Schichten üben eine gewisse stabilisierende Wirkung auf die Schneedecke (bei bodennah unverändert eher ungünstigem Aufbau) aus. Dies erklärt u.a. auch die inzwischen abnehmende Anzahl an Lawinenereignissen. Trotzdem lassen sich auch in diesen Bereichen, v.a. an schneeärmeren Stellen bzw. an Übergangsbereichen von wenig zu viel Schnee weiterhin Lawinen auslösen.

 

Die entscheidende Frage ist nun, wo es derzeit am gefährlichsten ist?

 

Betrachten wir dazu vorerst sonnenbeschienene Hänge:

 

Aufgrund unserer Beobachtungen, zahlreicher Tests und Rückmeldungen gehen wir von einer gewissen Entspannung unterhalb etwa 2300m aus. Darüber heißt es leider weiterhin aufzupassen! Heimtückisch dabei ist, dass die Schneedecke im flachen bzw. mäßig steilen Gelände zwischen etwa 2300m und 2600m leichter zu stören ist, als im sehr steilen, besonnten Gelände in diesem Höhenbereich. Dies klingt paradox, lässt sich aber leicht erklären. Im sehr steilen Gelände strahlt die Sonne direkter auf die Schneedecke. Mehr Energieeintrag bedeutet mehr Schmelzprozesse und Wassereintrag in die Schneedecke mit anschließendem Gefrieren in Form von Eissäulen. Diese Säulen verbinden die Krusten untereinander und wirken sich zumindest etwas stabilisierend aus.

 

Schneeprofil bei der Thurntaler Rast auf knapp 2000m in Zentralosttirol. Man erkennt unterhalb des Neuschnees eine Schmelzkruste. Abfließendes Wasser ist gefroren und bildet eine dicke Eissäule, die sich mit der nächsten harten Schichte am Boden verbindet. Dazwischen findet man Schwimmschnee. Je mehr solche Eissäulen vorhanden sind, je dicker diese sind, desto besser ist die Verbindung, desto schwerer lassen sich Lawinen dort auslösen.  (Foto: 22.01.2015)

 

Es gibt genügend Beispiele während der vergangenen Wochen, bei der Lawinen im mäßig steilen bzw. sogar flachen Gelände ausgelöst wurden: Tödlicher Lawinenunfall Valdafourkopfs am 16.01., Lawinenunfall Tscheyegg am 20.01. (Es handelte sich ebenfalls um eine geführte Gruppe. Die Lawine wurde ca. 2km Luftlinie von der Lawine am Valdafourkopf ausgelöst. Weitere Details von unserem Beobachter Florian Maas:  „Am 20.01. um ca 16:00 Uhr wurde westlich von der Tscheyegg Bergstation auf 2600m Seehöhe von einer fünfköpfigen Gruppe ein Schneebrett ausgelöst. Eine Frau wurde total verschüttet und dabei nur leicht verletzt. Die Gruppe löste das Brett auf 2480m im flachen Gelände aus. Anrisshöhe bis 120 cm, Breite im Anrissgebiet 90m und 35 Grad steil, Länge der Sturzbahn ca.550 m." Ebenso wurden wir kürzlich von einer Lawinenauslösung im Nahbereich der Amberger Hütte durch Fernauslösung im mäßig steilen Gelände informiert.

 

Höhenbereich 2350m, Nahbereich Amberger Hütte in den Nördlichen Stubaier Alpen (Foto: 18.01.2015). Lawinenabgang mit Personenbeteiligung. unverletzt.

 

Bei besonnten Hängen oberhalb etwa 2600m muss davon ausgegangen werden, dass dort die Schneedecke in allen Hangneigungen ähnlich zu stören sein wird, weil die erwähnten gefrorenen Wassersäulen weniger ausgeprägt sein sollten. Eine Störung ist wiederum vermehrt an schneeärmeren Stellen möglich.

 

Spontane Lawine am Simonykees in den Osttiroler Tauern. Störanfälliger Schwimmschnee zwischen Schmelzkrusten (Foto: 19.01.2015)

 

Betrachten wir nun schattiges Gelände:

 

Aufgrund neuer Informationen müssen wir von vermehrten Problemstellen in einem Höhenbereich zwischen etwa 2000m und 2600m (mit vereinzelten Ausreißern nach unten und oben) ausgehen. Dort findet man mehrere Regenkrusten, zwischen denen ebenso lockere Schichten aus kantigen Kristallen und Schwimmschnee eingebettet sind.

 

Ein häufiges Bild in den Tuxer Alpen. Spontane Lawinen im schattigen Gelände in einem Seehöhenbereich zwischen etwa 2000m und 2600m, Gammerspitze, Schmirntal (Foto: 21.01.2015)

 

Spontane Lawine im schattigen Steilgelände auf ca. 2300m in Zentralosttirol (Foto: 22.01.2015)

 

Fernauslösung vom Grat aus. Nahbereich des Glungezers, Tuxer Alpen (Foto: 20.01.2015)

 

Lawinenauslösung unterhalb der Vennspitze in den Tuxer Alpen (Foto: 18.01.2015), Personenbeteiligung, unverletzt

 

Lawinenauslösung Gaislachkogel-Hundskopf am Übergangsbereich von wenig zu viel Schnee (Foto: 18.01.2015)

 

Oberhalb etwa 2600m sollten man im schattigen Gelände außer im Arlberggebiet und Außerfern keine Regenkrusten mehr finden. Dort könnte sich einzig unter Windkrusten kantige Kristalle gebildet haben. Dabei handelt es sich dann allerdings um ein eher lokaleres  Problem, das wiederum vermehrt an schneearmen Stellen zu berücksichtigen ist. In Summe kann aber oberhalb etwa 2600m von einer eher recht gut aufgebauten Altschneedecke ausgegangen werden. [Noch kein Thema, aber generell im Auge zu behalten sind jene zwei Regenkrusten, die sich Anfang Jänner vom 03.01 auf den 04.01. (bis ca. 2300m) und zwischen dem 09.01. und 11.01. (bis meist 2600m) gebildet haben, weil sich in deren Nahbereich bereits mancherorts auch kantige Kristalle gebildet haben].

 

Außer Lawinenabgänge gibt es allerdings auch schönen Pulverschnee, den man durchaus genießen konnte, am besten unter Vermeidung oben erwähnter  besonders gefährdeter Bereiche…

 

Ziemlich gefahrlos: Pulvertraum im besonnten Gelände auf ca. 2000m (Foto: 18.01.2015)

 

Pulverschnee am Weg zu Schöntalspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen (Foto: 19.01.2015)

 

Grünseehütte, Osttiroler Tauern (Foto: 18.01.2015)

 

Interessant ist derzeit auch die vermehrte Bildung von Oberflächenreif. Solange dieser nicht eingeschneit ist, gibt es keine Probleme, sobald dies der Fall ist, kann es rasch gefährlich werden.

 

Somit bleibt mir am Schluss nochmals an die Vernunft zu appellieren, weiterhin möglichst defensiv unterwegs zu sein. Der Winter 2014-2015 birgt aufgrund der vielerorts außergewöhnlich schlecht aufgebauten Altschneedecke seine Tücken!

 

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Hinweis: Nur ein Mitglied dieses Blogs kann Kommentare posten.