Sonntag, 7. Februar 2016

Detailanalyse des Lawinenunfalls unterhalb des Geiers in den Tuxer Alpen

Beim Lawinenunfall unterhalb des Geiers waren entgegen der gestern gemachten Angaben nicht 17, sondern 20 Personen beteiligt. Einmal handelte es sich um eine Gruppe aus 12, einmal aus 8 tschechischen Tourengehern. Wir waren zufällig am selben Tag im Gebiet der Wattener Lizum unterwegs und fotografierten ebenso zufällig die 12-köpfige Gruppe am Talboden, als sich diese Richtung Geier befand.

Die 12-er Gruppe, aufgeteilt in zwei 6-er Gruppen am Talboden in Richtung Geier unterwegs (Foto: 06.02.2016)

Die 12-köpfige Gruppe spurte die Tour und bewältigte den Unglückshang ohne Probleme. Nach der Abfahrt versammelten sich die Tourengeher an einer Verflachung und stiegen neuerlich auf. Inzwischen befand sich die 8-köpfige Gruppe etwas oberhalb der 12-köpfigen Gruppe im Aufstieg. Kurz vor der steilsten Stelle im Hang beschlossen sie, Entlastungsabstände einzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt wurden sie von der Schneebrettlawine überrascht und sämtliche Personen - auch jene der 12-köpfigen Gruppe - von der Lawine erfasst und mitgerissen.

Ungefährer Standpunkt der Gruppe im Aufstieg, als sich die Schneebrettlawine löste (Foto: 06.02.2016)

Der blaue Kreis symbolisiert auf der Geländeneigungskarte jenen Bereich, an dem sich die Gruppe aufhielt, als die Lawine abging. Am linken, unteren Rand des Bildes erkennt man den Gipfel des Geiers.

Das Anrissgebiet befindet sich im Nordsektor in Höhenbereichen zwischen etwa 2600m und 2700m und ist sehr steil bis extrem steil. Die Lawinen kamen auf einer Seehöhe von etwa 2300m zum Stillstand. Die Lawinenablagerung betrug dabei bis zu geschätzte 5m.

Große Schneescholle am Lawinenkegel (Foto: 06.02.2016)

Alle Tourengeher waren perfekt ausgerüstet. Unserem Informationsstand zufolge dürften alle sogar einen Airbagrucksack getragen und auch ausgelöst haben. Die Ortung der total verschütteten Personen erfolgte durch LVS-Geräte. Bei den tödlich Verunglückten betrugen die Verschüttungstiefen zwischen 1,2 und 3,2m. Niemand von ihnen hatte eine Atemhöhle. 2 Personen wurden verletzt. Die restlichen Personen blieben unverletzt.

Das Loch im Vordergrund zeigt die östlichste Verschüttungsstelle. (Foto: 06.02.2016(

Überblick der Schneebrettlawine. Das rote x symbolisiert die ungefähre Stelle, an der die 8-köpfige Gruppe stand, als das Schneebrett abging. Der rote Kreis zeigt den Sammelpunkt der 12-köpifgen Gruppe nach ihrer ersten Abfahrt. Die schwarze Ellipse zeigt den Bereich, in dem 4 Personen verstorben sind, das schwarze Kreuz die ungefähre Verschüttungsstelle  des 5. Todesopfers.
Nachtrag vom 08.02.2016 (sh. auch Blogeintrag vom 07.02.): Das rote x symbolisiert in etwa den Standpunkt der 12-er Gruppe zum Zeitpunkt des Lawinenabgangs. 7 Personen der 8-köpfigen Gruppe befanden sich bereits weiter oberhalb in flacherem Gelände, eine Person im Einzugsbereich der Lawine.

Die Schneedeckenanalyse bestätigte das uns bekannte Problem einer bodennahen Schwachschicht. Ein Schneeprofil inklusive einem Belastungstest wurden oberhalb des Lawinenanrisses an einem kleinen, unbeeinflussten Nordhang durchgeführt. Als Schwachschicht diente primär eine dünne kantige Schicht auf einer alten Schmelzkruste, sekundär dürfte dann der Bruch bis zum bodennahen Schwimmschnee erfolgt sein.

Dort, wo die Schneesäge platziert ist, befindet sich eine sehr lockere, kantige Schicht auf einem dünnen, sich zunehmend auflösenden, alten Schmelzharschdeckel. Darunter erkennt man im Bereich des Handschuhs alte Wasserkanäle von Schmelzprozessen während des warmen Herbstes.

Hier das zum obigen Bild passende Schneeprofil.

Interessant erscheint u.a. auch ein Profil, das wir am Vortag unweit der Unfallstelle in einem kleinen Nordhang auf 2030m gegraben haben. Es zeigt im Gegensatz zum Profil unterhalb des Geiers bereits besser miteinander verbundene bodennahe Schichten, die zudem feucht und in Summe stabiler waren. Das Problem der bodennahen Schwachschicht ist somit von der Seehöhe abhängig. Wir geben deshalb im Lawinenlagebericht auch den Höhenbereich, oberhalb dessen es gefährlich wird, mit derzeit etwa 2300m an.

Bodennahe Schwachschichten beginnen sich unterhalb etwa 2300m langsam zu verbinden.

Ein Blick auf das Wetter der vergangenen Tage erklärt zusätzlich den derzeitigen Schneedeckenaufbau. Prägend war das vergangene Wochenende vom 30.01. bis 01.02., als es anfangs mit einer Kaltfront bis ins Tal schneite, dann mit einer Warmfront bis etwa 2400m regnete und anschließend die Temperatur sank. Entsprechend bildete sich verbreitet eine mehr oder weniger dicke Regenkruste. Ab dem 03.02. schneite es (seit langem) wieder etwas intensiver. In Summe kamen dabei während der vergangenen Woche im Unfallgebiet etwa 50cm zusammen. Wind führte zusätzlich zu Verfrachtungen in der Höhe, vermehrt im O-Sektor, somit auch im Unfallhang.

Daten der im Nahbereich der Unfallstelle gelegenen Wetterstation Tarntalerboden zeigen das Auf und Ab des Wetters vor dem Unfall.


Das wechselhafte Wetter mit Schneefall, Wind, Erwärmung und Abkühlung führten in Summe auf alle Fälle zu einer vermehrten Bindung des oberhalb der Schwachschichten abgelagerten Schnees, was auch die Möglichkeit für Fernauslösungen förderte.

Das Fazit: Wir befinden uns leider wieder in einem Winter mit einem sehr ausgeprägten und bereits lange anhaltenden Altschneeproblem. Es zeigt sich auch, dass oberhalb etwa 2300m vorerst keine Besserung der Situation in Aussicht ist.
Wir gehen derzeit von vermehrten Problemen in Schattenhängen oberhalb etwa 2300m und in besonnten Hängen oberhalb etwa 2500m aus. Dies ist v.a. für die Regionen der Tuxer, Zillertaler, Stubaier und Ötztaler Alpen der Fall.

Die zahlreichen, weiteren Lawinenereignisse vom 06.02. bestätigten dieses Bild sowohl hinsichtlich der Höhenangabe, als auch der Regionsabgrenzung. Osttirol wird demnächst aufgrund der vorhergesagten Neuschneefälle auch vermehrt mit einem Altschneeproblem konfrontiert sein.

Nähere Angaben zur Auslösung der Lawinen können derzeit noch nicht getroffen werden, da dafür die Vernehmungen der Betroffenen durch die Alpinpolizei noch abgewartet werden müssen. Als wahrscheinlich sehen wir die Auslösung der Lawine durch die Skitourengeher an, als möglich eine Selbstauslösung, verursacht durch verfrachteten Schnee (Dies könnte ev. auch durch die von der Hauptlawine losgelöste, kleine Lawine im Gipfelbereich des Geiers geschehen sein.)

Die Aufarbeitung der weiteren Lawinenereignisse vom 06.02. erfolgt zu Beginn der kommenden Woche.

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