Samstag, 5. März 2016

Kurzanalyse Lawinenabgang Hohe Mut vom 04.03. samt Überblick und Ausblick der Situation

Gestern am 04.03. fuhren zwei Personen unabhängig voneinander in Abständen in den extrem steilen Nordosthang unterhalb der Hohen Mut in den Südlichen Ötztaler Alpen. Sie verließen dazu die Skiroute 2 und befanden sich somit im freien Skigelände. Die zweite in den Hang einfahrende Person löste ein Schneebrett aus, welches diese mitriss und total verschüttete. Wie schon erwähnt, konnte die Person durch Sondieren geortet und (nach neuesten Informationen) nach etwa 40 Minuten ansprechbar geborgen werden.

Die Schneebrettlawine wurde an einer schneearmen Stelle im extrem steilen Gelände auf knapp 2400m ausgelöst. Als primäre Schwachschicht diente die in dieser Region bekannte, bodennahe, aufbauend umgewandelte Schicht aus kantigen Kristallen und Schwimmschnee. Die Lawine war knapp 200m lang und ca. 40m breit bei einer durchschnittlichen Anrisshöhe von ca. 1m.

Lawinenunfall Hohe Mut: Das Foto zeigt den oberen Teil des Lawinenanrisses. Es folgt eine felsdurchsetzte Steilstufe, dann der Lawinenauslauf. Das Foto wurde kurz nach dem Lawinenabgang am Weg zum Einsatzort aufgenommen. (Foto: 04.03.2016)

Oberer Anrissbereich und Steilstufe gehen bei diesem Foto ineinander über. Hinter dem felsigen Bereich befindet sich das im oberen Foto angezeigte Gelände (Foto: 04.03.2016)

Inzwischen hat sich die Lawinensituation deutlich verschärft. Im ganzen Land wehte zumindest oberhalb der Waldgrenze zum Teil stürmischer Wind.

Stürmisch in den Tuxer Alpen (Foto: 05.03.2016)

Offensichtliche Gefahrenstellen. Triebschneepakete sind mitunter auch sehr hart, in größeren Höhen durchwegs spröde und somit mit großer Vorsicht zu genießen! (Foto: 05.03.2016)

Während uns kürzlich speziell aus dem Defereggental in Osttirol bereits von vermehrten Lawinenauslösungen berichtet wurde, sind auch heute am 05.03. wieder
einige Lawinen von Personen ausgelöst worden. Unserem Informationsstand zufolge kam niemand zu Schaden. Mit Ausnahme des oben erwähnten Lawinenabgangs unterhalb der Hohen Mut mit einem offensichtlichen Altschneeproblem dürfte es sich bei den anderen Lawinenabgängen fast ausschließlich um frische Triebschneepakete gehandelt haben. Als Schwachschicht diente wohl in den meisten Fällen lockerer Neuschnee bzw. filzige Kristalle (aus Osttirol ging auch die Meldung über ev. Oberflächenreif ein).

Hier ein paar Eindrücke:

Unterwegs im Defereggental in Zentralosttirol (Foto: 04.03.2016)

Beeindruckend ist die flächige Ausbreitung dieser Schneebrettlawine im Defereggental.  (Foto: 04.03.2016)

Ein Blick in die Schneedecke hilft, Zusammenhänge der kürzlichen Schneebrettauslösungen besser zu verstehen.

Wir konzentrieren uns auf oberflächennahe Schichten. Man erkennt unter dem Pulverschnee eine dünne Kruste, die durch (diffusen) Strahlungseinfluss am 02.03. bis etwa 2400m hinauf entstanden ist. Darunter befindet sich immer noch weicherer filziger Schnee, der durch nächtliche Abstrahlung (Gefahrenmuster kalt auf warm) bereits etwas aufbauend umgewandelt wurde. Am Profilstandort wehte damals noch kein Wind. Es fehlte also die überlagernde Triebschneeschicht, die in Folge leicht zu stören gewesen wäre.
Bei der oben gezeigten Lawine im Defereggental spricht wegen des flächigen Ausmaßes Vieles für die Einlagerung einer solchen dünnen Schmelzkruste. Auch Setzungsgeräusche, die in diesem Gebiet mehrfach beobachtet wurden, können damit besser erklärt werden, wobei auch „nur“ lockerer, überwehter Pulverschnee ebenso zu Setzungsgeräuschen führen kann.

Eine ähnliche Konstellation wie beim oberen Profil in den Osttiroler Tauern. Neben oberflächennahem Potential für Schwachschichten erkennt man hier auch eine mögliche Schwachschicht in Bodennähe (insbesondere bei großer Auflast)

Hier noch ein Profil aus dem Defereggental: Die Kruste bei 65cm dürfte vom 02.03. stammen, jene bei 45cm vom Regeneinfluss am 21.02. und die darunter befindliche vom Regeneinfluss am 31.01.

Hier weitere aktuelle Eindrücke:

Noch bester Pulverschnee am 04.03. im Sellraintal…

Selber Hang wie oben: Massiv vom Wind beeinflusste Schneedecke am 05.03. im Sellraintal...

Lawinenabgang Bärentalalm in den Kitzbüheler Alpen am 05.03.2016. 2 Personen wurden verschüttet, konnten sich selbst befreien. 1 Person verletzt.

Wie schon im heutigen Lawinenlagebericht erwähnt, steht uns eine turbulente Nacht bevor. Wir rechnen aufgrund der Neuschnee- und Windprognosen seitens der ZAMG-Wetterdienststelle mit vermehrter spontaner Lawinenaktivität. Dies auch deshalb, weil von hoher Niederschlagsintensität zwischen den Abendstunden und Mitternacht ausgegangen wird.

Dabei werden Schneebrettlawinen häufiger in oberflächennahen Schichten abgehen, welche durch deren Zusatzbelastung zu bodennahen Brüchen innerhalb der Schneedecke führen können. Letzteres gilt vermehrt für die inneralpinen Regionen sowie das südliche Osttirol, schattseitig oberhalb etwa 2400m (im südlichen Osttirol oberhalb etwa 2200m), in den übrigen Expositionen oberhalb etwa 2600m. Lawinen können dadurch mittlere Größe erreichen, vereinzelt auch groß werden.

Mit Abnahme der Niederschläge und des Windes wird sich die Situation ab morgen relativ rasch bessern. Für den Wintersportler bleibt es kurzfristig noch eher kritisch, bevor der um diese Jahreszeit bereits wirkende - auch heute am 05.03. feststellbare - Strahlungseinfluss sich positiv auf die Gesamtsituation auswirken sollte. Auch Wind sollte laut Auskunft der ZAMG-Wetterdienststelle in näherer Zukunft kaum mehr eine Rolle spielen.

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