Mittwoch, 9. März 2016

Zunehmend günstige Verhältnisse - leichten tageszeitlichen Anstieg mit vermehrten Lockerschneelawinen beachten

Die Störanfälligkeit der am Wochenende gebildeten Triebschneeansammlungen verlagert sich zunehmend in größere Höhen. Betroffen ist vermehrt noch sehr steiles, kammnahes Gelände der Exposition NW über N bis O. Abgesehen von diesen Gefahrenstellen ist auf das in den vorangegangenen Blogeinträgen immer wieder angeführte Altschneeproblem in den inneralpinen Regionen, beginnend von 2400m aufwärts, zu achten. Für eine Störung der Schneedecke gehen wir inzwischen meist von großer Belastung in sehr steilem Gelände, v.a. an Übergangsbereichen von wenig zu viel Schnee, aus.
In Summe herrschen jedoch zunehmend günstige Verhältnisse mit häufig tollem Pulverschnee.

Im Vordergrund die eingeschneite Engadiner Hütte im Kleinvermunt, dahinter die Abfahrtsspuren im tollen Pulverschnee.(Foto: 07.03.2016)

Aufpassen sollte man inzwischen auf den strahlungsbedingten, tageszeitlichen Anstieg der Gefahr. Es ist mit dem vermehrten Abgang von Lockerschneelawinen zu rechnen.

Lockerschneelawinen im Kleinvermunt. (Foto: 07.03.2016)

Nicht außer Acht lassen sollte man frische, kammnahe Triebschneepakete. Mit dem aufkommenden Südwestwind wird vor allem in größeren Höhen der lockere Pulverschnee verfrachtet. Die Triebschneepakete sind meist nicht großflächig, jedoch leicht zu stören.

Zunehmende Windgeschwindigkeiten infolge von Südföhn sind an den Windpfeilen bereits erkennbar.

Am Patscherkofel hat der Wind bereits in der Nacht auf Süd gedreht, die Windgeschwindigkeiten haben dabei deutlich zugenommen.

Dienstag, 8. März 2016

Analyse des tödlichen Lawinenunfalls unterhalb der Nockspitze (lt. Einsatzmeldung hieß es anfangs Birgitzköpfl) in den Nördlichen Stubaier Alpen

Gestern am 07.03. haben wir uns die Unfalllawine näher angeschaut. Es handelte sich um eine Schneebrettlawine, die in einem 44° steilen Richtung WNW ausgerichteten Hang auf etwa 2020m Seehöhe abgegangen ist. Die Lawine war ca. 40m breit und ca. 300m lang bei einer Anrissmächtigkeit von durchschnittlich 40cm.
Nach unseren Erhebungen steht fest, dass die Lawine von 2 Variantenfahrern ausgelöst wurde, die mit Fellen zwischen den Verbauungen aufgestiegen und in Folge in den extrem steilen Hang abgefahren sind.

Die Lawine unterhalb der Nockspitze im Überblick. Rot eingezeichnet: Die zwei Einfahrts- und Ausfahrtsspuren im Anrissbereich der Lawine. Die Einfahrtsspuren der betroffenen Wintersportler im Lawinengraben.(Foto: 07.03.2016)

Betroffen waren somit Personen, die mit der Lawinenauslösung nichts zu tun hatten. Sie wurden von der Lawine quasi in der Rinne überrascht. Es waren somit sechs Personen beteiligt (jene zwei, die die Lawine ausgelöst hatten und die vier von der Lawine erfassten Personen). Zwei der erfassten Personen wurden total verschüttet. Eine davon konnte rasch aufgrund einer herausragenden Hand unverletzt ausgegraben werden. Die tödlich verunglückte Person, eine Spanierin, wurde mittels Sondieren nach etwa 20 Minuten aufgefunden. Die sofort eingeleiteten Reanimationsmaßnahmen konnten ihr Leben nicht mehr retten.

Als Schwachschicht stellten wir überschneiten, bereits leicht abgebauten Pulverschnee fest, der von kurz zuvor gebildetem Triebschnee überlagert wurde.

Das Anrissgebiet im Überblick. Rot eingezeichnet: Die zwei Einfahrts- und Ausfahrtsspuren. (Foto: 07.03.2016)

Der nach WNW ausgerichtete Hang weist in der Anrisszone Hangneigungen von über 40° auf. (Foto: 07.03.2016)

Blick vom Lawinenanriss bergwärts mit den beiden Einfahrtsspuren. (Foto: 07.03.2016)

Blick vom Anriss in Richtung Sturzbahn und Lawinenablagerung (Foto: 07.03.2016)

Blick von der Sturzbahn in Richtung Lawinenanriss (Foto: 07.03.2016)

Verschüttungsstelle der tödlich verunglückten Person (Foto: 07.03.2016)

Das Schneeprofil wurde direkt am Anriss der Lawine orografisch rechts der Einfahrtsspuren aufgenommen und zeigt die vom Triebschnee überlagerte Schwachschicht (bereits leicht abgebaute Pulverschneeschicht).

Sonntag, 6. März 2016

Tödliches Lawinenunglück unterhalb der Nockspitze (laut Einsatzmeldung hieß es anfangs Birgitzköpfl)

Heute am 06.03. löste eine Gruppe von Wintersportlern unterhalb der Nockpsitze  in den Nördlichen Stubaier Alpen in einem ca. 35 Grad steilen Westhang ein Schneebrett aus. Eine 33 -jährige Spanierin kam dabei ums Leben. Wir sind morgen vor Ort. Details zum Unfallgeschehen folgen.

Lawinenabgang auf die Landesstraße zwischen Ranalt und Mutterberg

Am 06.03. kurz nach Mitternacht ist zwischen Ranalt und Mutterberg im hinteren Stubaital eine Schneebrettlawine auf die Landesstraße abgegangen. Neuesten Informationen zufolge wurde die Straße auf einer Länge von ca. 150m 3-4m hoch verschüttet. Es kam niemand zu Schaden.

Schaut man sich die Schneehöhenkarte an, so fällt auf, dass es sich um einen jener Plätze in Tirol gehandelt hat, an dem in der Höhe am meisten Schnee gefallen ist. Die Belastung des Neuschnees wurde offensichtlich zu groß, sodass es mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit zu einem Bruch in einer bodennahen Schwachschicht gekommen ist.

56cm misst die Station Gallreideschrofen im Gschnitztal im Nahbereich des Lawinenabgangs

Hier die Station Gallreideschrofen im Gschnitztal im Detail: Kontinuierlicher Anstieg der Schneehöhe. Deutliche Windabnahme während des Schneefalls.

Inzwischen ist der Wind in Tirol kaum mehr ein Thema. Es sollte somit nur mehr zu kleinräumigeren Verfrachtungen kommen.

Das Hauptproblem besteht derzeit somit in der künstlichen Auslösung kürzlich gebildeter Triebschneepakete. In den inneralpinen Regionen ist in Folge dann auch das Durchbrechen in tiefere Schichten denkbar, was zu größeren Lawinenabgängen führen kann. Wie schon mehrfach erwähnt, findet man solche bodennahen Schwachschichten dort v.a. im schattigen Gelände oberhalb etwa 2400m (im südlichen Osttirol oberhalb etwa 2200m), in den übrigen Hangrichtungen oberhalb etwa 2600m.

Spontane Abgänge von größeren Schneebrettlawinen in tieferen Schichten, wie die Lawine bei Ranalt, erscheinen inzwischen eher unwahrscheinlich. Denkbar ist heute am 06.03. am ehesten die Schwächung der Schneedecke durch massiven diffusen Strahlungseinfluss. In solch einem Fall wäre es allerdings wieder wahrscheinlicher, dass sich primär Lockerschneelawinen aus felsigem Gelände lösen, welche durch deren Belastung in Folge zu einem Durchbrechen in die besagten bodennahen Schichten führen können.

Samstag, 5. März 2016

Kurzanalyse Lawinenabgang Hohe Mut vom 04.03. samt Überblick und Ausblick der Situation

Gestern am 04.03. fuhren zwei Personen unabhängig voneinander in Abständen in den extrem steilen Nordosthang unterhalb der Hohen Mut in den Südlichen Ötztaler Alpen. Sie verließen dazu die Skiroute 2 und befanden sich somit im freien Skigelände. Die zweite in den Hang einfahrende Person löste ein Schneebrett aus, welches diese mitriss und total verschüttete. Wie schon erwähnt, konnte die Person durch Sondieren geortet und (nach neuesten Informationen) nach etwa 40 Minuten ansprechbar geborgen werden.

Die Schneebrettlawine wurde an einer schneearmen Stelle im extrem steilen Gelände auf knapp 2400m ausgelöst. Als primäre Schwachschicht diente die in dieser Region bekannte, bodennahe, aufbauend umgewandelte Schicht aus kantigen Kristallen und Schwimmschnee. Die Lawine war knapp 200m lang und ca. 40m breit bei einer durchschnittlichen Anrisshöhe von ca. 1m.

Lawinenunfall Hohe Mut: Das Foto zeigt den oberen Teil des Lawinenanrisses. Es folgt eine felsdurchsetzte Steilstufe, dann der Lawinenauslauf. Das Foto wurde kurz nach dem Lawinenabgang am Weg zum Einsatzort aufgenommen. (Foto: 04.03.2016)

Oberer Anrissbereich und Steilstufe gehen bei diesem Foto ineinander über. Hinter dem felsigen Bereich befindet sich das im oberen Foto angezeigte Gelände (Foto: 04.03.2016)

Inzwischen hat sich die Lawinensituation deutlich verschärft. Im ganzen Land wehte zumindest oberhalb der Waldgrenze zum Teil stürmischer Wind.

Stürmisch in den Tuxer Alpen (Foto: 05.03.2016)

Offensichtliche Gefahrenstellen. Triebschneepakete sind mitunter auch sehr hart, in größeren Höhen durchwegs spröde und somit mit großer Vorsicht zu genießen! (Foto: 05.03.2016)

Während uns kürzlich speziell aus dem Defereggental in Osttirol bereits von vermehrten Lawinenauslösungen berichtet wurde, sind auch heute am 05.03. wieder
einige Lawinen von Personen ausgelöst worden. Unserem Informationsstand zufolge kam niemand zu Schaden. Mit Ausnahme des oben erwähnten Lawinenabgangs unterhalb der Hohen Mut mit einem offensichtlichen Altschneeproblem dürfte es sich bei den anderen Lawinenabgängen fast ausschließlich um frische Triebschneepakete gehandelt haben. Als Schwachschicht diente wohl in den meisten Fällen lockerer Neuschnee bzw. filzige Kristalle (aus Osttirol ging auch die Meldung über ev. Oberflächenreif ein).

Hier ein paar Eindrücke:

Unterwegs im Defereggental in Zentralosttirol (Foto: 04.03.2016)

Beeindruckend ist die flächige Ausbreitung dieser Schneebrettlawine im Defereggental.  (Foto: 04.03.2016)

Ein Blick in die Schneedecke hilft, Zusammenhänge der kürzlichen Schneebrettauslösungen besser zu verstehen.

Wir konzentrieren uns auf oberflächennahe Schichten. Man erkennt unter dem Pulverschnee eine dünne Kruste, die durch (diffusen) Strahlungseinfluss am 02.03. bis etwa 2400m hinauf entstanden ist. Darunter befindet sich immer noch weicherer filziger Schnee, der durch nächtliche Abstrahlung (Gefahrenmuster kalt auf warm) bereits etwas aufbauend umgewandelt wurde. Am Profilstandort wehte damals noch kein Wind. Es fehlte also die überlagernde Triebschneeschicht, die in Folge leicht zu stören gewesen wäre.
Bei der oben gezeigten Lawine im Defereggental spricht wegen des flächigen Ausmaßes Vieles für die Einlagerung einer solchen dünnen Schmelzkruste. Auch Setzungsgeräusche, die in diesem Gebiet mehrfach beobachtet wurden, können damit besser erklärt werden, wobei auch „nur“ lockerer, überwehter Pulverschnee ebenso zu Setzungsgeräuschen führen kann.

Eine ähnliche Konstellation wie beim oberen Profil in den Osttiroler Tauern. Neben oberflächennahem Potential für Schwachschichten erkennt man hier auch eine mögliche Schwachschicht in Bodennähe (insbesondere bei großer Auflast)

Hier noch ein Profil aus dem Defereggental: Die Kruste bei 65cm dürfte vom 02.03. stammen, jene bei 45cm vom Regeneinfluss am 21.02. und die darunter befindliche vom Regeneinfluss am 31.01.

Hier weitere aktuelle Eindrücke:

Noch bester Pulverschnee am 04.03. im Sellraintal…

Selber Hang wie oben: Massiv vom Wind beeinflusste Schneedecke am 05.03. im Sellraintal...

Lawinenabgang Bärentalalm in den Kitzbüheler Alpen am 05.03.2016. 2 Personen wurden verschüttet, konnten sich selbst befreien. 1 Person verletzt.

Wie schon im heutigen Lawinenlagebericht erwähnt, steht uns eine turbulente Nacht bevor. Wir rechnen aufgrund der Neuschnee- und Windprognosen seitens der ZAMG-Wetterdienststelle mit vermehrter spontaner Lawinenaktivität. Dies auch deshalb, weil von hoher Niederschlagsintensität zwischen den Abendstunden und Mitternacht ausgegangen wird.

Dabei werden Schneebrettlawinen häufiger in oberflächennahen Schichten abgehen, welche durch deren Zusatzbelastung zu bodennahen Brüchen innerhalb der Schneedecke führen können. Letzteres gilt vermehrt für die inneralpinen Regionen sowie das südliche Osttirol, schattseitig oberhalb etwa 2400m (im südlichen Osttirol oberhalb etwa 2200m), in den übrigen Expositionen oberhalb etwa 2600m. Lawinen können dadurch mittlere Größe erreichen, vereinzelt auch groß werden.

Mit Abnahme der Niederschläge und des Windes wird sich die Situation ab morgen relativ rasch bessern. Für den Wintersportler bleibt es kurzfristig noch eher kritisch, bevor der um diese Jahreszeit bereits wirkende - auch heute am 05.03. feststellbare - Strahlungseinfluss sich positiv auf die Gesamtsituation auswirken sollte. Auch Wind sollte laut Auskunft der ZAMG-Wetterdienststelle in näherer Zukunft kaum mehr eine Rolle spielen.