Sonntag, 17. Februar 2019

Vorsicht vor Gleitschnlawinen! Sie können großes Ausmaß annehmen! Tageszeitlicher Anstieg der Lawinengefahr.

Wie schon erwartet beobachten wir derzeit eine Häufung von Gleitschneelawinen auf steilen Wiesenhängen. Dies hat mit den warmen Temperaturen, der intensiven Sonneneinstrahlung und der damit einhergehenden, zunehmenden Durchfeuchtung der Schneedecke zu tun. Das Schmelzwasser dringt bis zur Basis der Schneedecke am Grasboden und vermindert dort deren Reibung.

Vermehrt betroffen ist besonntes Gelände bis etwa 2600m hinauf. Aber auch im schattigen Gelände bis in mittlere Höhenlagen beobachtet man immer wieder diese Lawinenart.

Aufgrund der großen Schneemächtigkeit können Gleitschneelawinen großes bis sogar sehr großes Ausmaß mit zum Teil beachtlichen Auslauflängen annehmen. So verschüttete am 15.02. eine Gleitschneelawine einen Teil des Parkplatzes bei der Eisgratbahn im Stubaital. Einige Autos wurden dabei beschädigt. Personen kamen nicht zu Schaden.

Gleitschneemaul unterhalb einer Lawinenverbauung im Paznauntal (Foto: 16.02.2019)

Wenig später löste sich in diesem Bereich eine Gleitschneelawine (Foto: 16.02.2019)

Sonst war es mit einer Ausnahme ruhig in Bezug auf Lawinenabgänge. Von der Alpinpolizei wurden wir über einen Lawinenunfall unterhalb des Tschadinhorns in der Schobergruppe informiert. Dort löste sich kurz nach 11 Uhr eine Schneebrettlawine, als sich eine Gruppe von Skitourengehern in der Gipfelflanke im Aufstieg befand. Die Lawine war ca. 70m breit und 270m lang. Die Anrisshöhe betrug zwischen 40 und 80cm. Der Anriss lag auf 2965m. Das Gelände war zwischen 36 und 43° steil und nach Südwest ausgerichtet. Zwei Personen wurden mitgerissen und verletzt. Die Schwachschicht bestand aus kantigen Kristallen oberhalb einer Schmelzkruste. Darüber lagerte gebundener Schnee.

Lawinenunfall Tschadinhorn in der Schobergruppe. (Foto: 16.02ö.2019)

Samstag, 16. Februar 2019

Schattseitig in eng begrenztem Höhenband Bildung einer (möglichen) Schwachschicht beobachtet

Wir haben es derzeit in einem eng begrenzten Höhenband gebietsweise mit dem Gefahrenmuster 4 (kalt auf warm) zu tun.

Der Hintergrund: Am Sonntag, den 10.02. hat es in Tirol zwischen etwa 1600m und 2200m hinauf geregnet bzw. nass geschneit. Danach fiel die Temperatur in den Keller. Der Regen ging in Schneefall über. Anschließend blieb es kalt. Nun ist das Wetter von einem deutlichen tageszeitlichen Temperaturgang geprägt. Während klarer Nächte kühl(t)en die oberflächennahen Schneeschichten deutlich aus. Durch den markanten Temperaturunterschied zwischen der vormals feuchten Schneeoberfläche und dem darüber gelagerten kalten Schnee bildete sich an dieser Grenzfläche eine Schmelzkruste, darüber bzw. darunter findet man zum Teil kantige Kristalle. Aus dem Außerfern bekamen wir eine Rückmeldung von einer deutlich ausgeprägten Schwachschicht aus kantigen Kristallen in einem Nordhang auf 2150m (Fallesinspitze).

Markiert: Anfangs warme Temperaturen, beginnender  Niederschlag, anfangs Regen, dann Schnee. Deutlicher Temperaturabfall - Voraussetzung für Gefahrenmuster kalt auf warm (gm.4)

Wir gehen derzeit davon aus, dass es sich um vereinzelte Gefahrenbereiche handelt. Betroffen sind derzeit sehr steile Schattenhänge, dies in einem eng begrenzten Höhenband. (Den Höhenbereich können wir derzeit noch schwer eingrenzen, gehen aber davon aus, dass dieser zwischen etwa 1800m und 2200m liegen dürfte). Bedeutsam ist die Schwachschicht wiederum nur dort, wo genügend gebundener Schnee darüber lagert. Dies trifft für die neuschneereichen Regionen, dem Arlbergregion, dem Außerfern, den Nordalpen und dem Kaisergebirge zu. Durch das anhaltend schöne Wetter wird der über der Schwachschicht abgelagerte Schnee (vorausgesetzt der Wind verfrachtet keinen neuen Schnee) zunehmend an Spannung verlieren.

Fazit: Ein vermutlich nur vereinzeltes und kleinräumiges Problem in sehr steilen Schattenhängen, das kurzfristig beachtet werden sollte, und möglicherweise bald wieder vorbei ist.


Donnerstag, 14. Februar 2019

Aktuelle Situation / Mehr Schnee = mehr Lawinen?

Dieser Blogeintrag ist in zwei Teile untergliedert:

  • Kurz und bündig eine Beschreibung der derzeitigen Situation.
  • Ein Exkurs zu "Mehr Schnee = mehr Lawinen?"

Aktuelle Situation

In weiten Teilen Tirols herrschen derzeit verbreitet recht günstige Verhältnisse. Die Lawinengefahr ist am Vormittag meist von der Seehöhe abhängig: Oberhalb etwa 2400m herrscht geringe, darunter aufgrund der Gleitschneeproblematik mäßige Lawinengefahr. Während des Tages steigt die Lawinengefahr dann mit der Sonneneinstrahlung und Erwärmung etwas an und wird allgemein mäßig.

Wir haben es derzeit im Wesentlichen mit zwei Gefahrenmomenten zu tun: Gleitschneeproblem auf steilen Wiesenhängen (auch auf Hausdächern!) sowie Lockerschneelawinen aus extrem steilen, besonnten Hängen ab den Nachmittagsstunden.


Typisches Bild der derzeitigen Situation: Magenta Pfeile: Lockerschneelawinen aus extrem steilem Gelände; rote Ellipsen: Gleitschneemäuler auf steilen Wiesenhängen. Nordkette. (Foto: 13.02.2019)

 Die Hauptgefahr bilden eindeutig Gleitschneelawinen, die aufgrund der großen Schneehöhen gefährlich groß werden können. Bei einer gewissenhaften Tourenplanung sollte man derzeit immer auch die (mitunter nicht einsehbaren) Einzugsgebiete dahingehend beurteilen, ob dort Gleitschneelawinen abgehen könnten und solche Bereiche möglichst meiden. Zu beachten ist aber auch die Gefahr eines Sturzes in offene Gleitschneemäuler, dies besonders in Variantengebieten in den schneereichen Regionen Tirols.

Gleitschneelawine in den Tuxer Alpen am 06.02.2019. Im Hintergrund Lockerschneelawinen.

Heute am 14.02.2019 um 15:55 Uhr wurden wir von der Leitstelle Tirol über einen Lawinenunfall beim Bodenbachfall im Kaunertal informiert. Eine Person wurde dabei laut unserem Informationsstand schwer verletzt. Wir kennen die näheren Hintergründe noch nicht. Fest steht, dass auch verhältnismäßig kleine (Lockerschnee-?)Lawinen in dem engen Bachbett gefährlich für Eiskletterer sein können.

Lawinenunfall beim Bodenbachfall im Kaunertal. Rechts im Bild die Legende zur Hangneigung 
Nur mehr ein Randthema sind derzeit frische Triebschneepakete im hochalpinen, schattigen, kammnahen und sehr steilen Gelände, die ganz vereinzelt noch gestört werden können.

Die Verhältnisse erinnern an das Frühjahr: Während sternenklarer Nächte kühlt die Schneedecke aus. An besonnten Hängen bildet sich dadurch während der Nachtstunden ein Harschdeckel. Dieser ist derzeit meist noch brüchig. In wenigen Tagen allerdings kann man aufgrund der aktuellen Wetterprognosen der ZAMG-Wetterdienststelle davon ausgehen, dass sich zumindest in tiefen und mittleren Höhenlagen in sehr steilen bis extrem steilen Hängen ein tragfähiger Harschdeckel bilden wird. Im Tagesverlauf wird dieser Deckel wieder aufgeweicht. Wer rechtzeitig unterwegs ist, wird mit tollem Firn belohnt werden.

Im zentralen und südlichen Teil Osttirols (jenen Regionen, wo wir es noch mit einem Altschneeproblem zu tun haben) hat sich die Situation zwar gegenüber Anfang Februar deutlich gebessert, dennoch bleibt das Altschneeproblem ein Thema: Dort sollte man insbesondere im schattigen Gelände noch defensiver unterwegs sein. Im besonnten Gelände muss v.a. auf die erhöhte Störanfälligkeit der bodennahen Schwachschichten bei fortschreitender Durchnässung der Schneedecke geachtet werden.


Mehr Schnee = mehr Lawinen?

In weiten Teilen Tirols liegt derzeit bis in Tallagen außerordentlich viel Schnee. Doch wie beinflusst der viele Schnee den Winterverlauf im Hinblick auf die Schneedeckenstabilität und die Lawinengefahr?

Ein kurzer Exkurs: Lawinenarten

Wir unterscheiden nach dem Auslösemechanismus drei wesentliche Arten von Lawinen:
  • Schneebrettlawinen,
  • Lockerschneelawinen &
  • Gleitschneelawinen
Schneebrettlawinen stellen die typischen Skifahrerlawinen dar und sind für mehr als 90% aller Unfälle verantwortlich. Hier braucht es zum Abgang der Lawine 4 Zutaten: Einen mindestens 30° steilen Hang, ein gebundenes Schneebrett, eine darunter befindliche Schwachschicht mit entsprechender Tendenz zur Bruchfortpflanzung sowie einen Auslöser.

Anriss einer Schneebrettlawine: Steiles Gelände, Schneebrett auf einer Schwachschicht
Lockerschneelawinen brauchen - wie der Name schon sagt - lockeren, ungebundenen Schnee. In der Regel handelt es sich dabei um trockenen Pulverschnee oder durchnässten Schnee. Ein sich hangabwärts bewegendes Schneekristall reißt im extrem steilen Gelände (>40°) auf seinem Weg nach unten weitere Schneekristalle mit sich. Die abgehende Lawine nimmt so ständig an Volumen zu. Typisch für die Lockerschneelawine ist die birnenförmige Lawinenbahn.

Nasse Lockerschneelawine aus felsigem Gelände

Gleitschneelawinen verhalten sich wiederum anders als Schneebrettlawinen oder Lockerschneelawinen. Hier handelt es sich um einen reinen Gleitprozess. Die gesamte Schneedecke rutscht aufgrund von Schmelzprozessen an der Grenze zwischen Schneedecke und gewachsenem Boden hangabwärts. Je feuchter der Untergrund, desto geringer die Reibung, desto wahrscheinlicher eine Gleitschneelawine. Wesentlich ist hierbei ein möglichst regelmäßiger, glatter Untergrund (z.B. Felsplatten, Wiesen, Hausdächer). Gleitschneelawinen können - im Gegensatz zu Lockerschnee- oder Schneebrettlawinen - auch auf Hängen unter 30° abgehen.

Zahlreiche Gleitschneelawinen in den Zillertaler Alpen (Foto: 22.01.2019)

Schneereiche Winter

Wie verhält es sich nun mit den Lawinen in besonders schneereichen Wintern?

Trockene Lockerschneelawinen treten aufgrund vermehrter und intensiverer Schneefälle häufiger auf als in schneearmen Wintern.

Schneebrettlawinen beobachtet man gehäuft während der intensiven Schneefallperioden. Danach stabilisiert sich die Schneedecke meist recht rasch. Vorteilhaft ist auch, dass durch die großen Schneemengen der Temperaturunterschied innerhalb der Schneedecke eher niedrig ist. Dadurch können nicht so leicht schwache, lockere Schichten entstehen, wie dies während schneeärmerer Winter der Fall ist. In Nordtirol baute sich die Schneedecke zu Winterbeginn stetig auf, sodass die gesamte Schneedecke meist recht stabil aufgebaut ist.
Im zentralen und südlichen Teil Osttirols hingegen dauerte es bis Ende Jänner, als die großen Schneefälle kamen. Bis dahin bildeten sich in der gering mächtigen Schneedecke bodennah ausgeprägte Schwachschichten, die Anfang Jänner sehr leicht gestört werden konnten. Dort bleibt vorerst ein latentes Altschneeproblem bestehen.

Schneereiche Winter sind "Gleitschneelawinen-Winter". Gleitschneelawinen kündigen sich häufig bereits einige Zeit vor dem tatsächlichen Lawinenabgang in Form von Gleitschneerissen, sogenannten "Gleitschnee- oder Fischmäulern" an.

Gleitschneerisse auf der Saile. Blick ins Inntal (Foto: 20.01.2019)

Diese Zugrisse entstehen bei stärkerem Schneegleiten an Orten, wo die Schneedecke unterhalb schneller gleitet als oberhalb. Ein Gleitschneeriss, der sich über Tage bis mehrere Wochen ausbreitet, kann plötzlich beschleunigen und als Gleitschneelawine abgehen. Das Aufteten eines Gleitschneerisses ist aber nicht zwingend notwendig. Gleitschneelawinen können also auch abrupt - ohne einen Riss - abgehen.

Eine mächtige Schneedecke begünstigt das vermehrte Auftreten von Gleitschneelawinen in zweierlei Hinsicht:
  • Die größere Schneeauflast bedingt eine größere hangabwärts gerichtete Kraft
  • Schnee isoliert gut. Dadurch hat Schnee in Bodennähe meist um 0°C, sprich dieser ist feucht - eine Voraussetzung für Gleitschneelawinen.
Die Gleitschneeproblematik wird uns noch den restlichen Winter über begleiten. Vermehrt werden diese bei zunehmender Durchfeuchtung der Schneedecke auftreten, können aber genauso am kältesten Tag des Jahres mitten in der Nacht abgehen. Ein weiterer Nachteil bei den Gleitschneelawinen - abgesehen von der schwierigen Einschätzbarkeit des Abgangszeitpunktes ist jener, dass diese nicht durch künstliche Zusatzbelastung (z.B. Sprengung) ausgelöst werden können.

Es gibt aber auch eine Spezies, die sich über Gleitschneelawinen freut:

Gämsen finden Äsung, wo Gleitschneelawinen abgegangen sind (Foto: 17.01.2019)

Dachlawinen: Während der vergangenen Tage beobachtete man in Tirol vermehrt Dachlawinen. Dabei handelt es sich vom Prinzip um Gleitschneelawinen: Wasser an der Grenzfläche zwischen Dach und Schnee vermindert die Reibung und erhöht die Gefahr einer Dachlawine.

Schnee gleitet auf glatten Dächern ab (Foto: 10.02.2019)

Hier erkennt man auf einem Blechdach eine Eisschicht, ein Indiz für freies Wasser, welches an der Grenzfläche zwischen Dach und Schneedecke vorhanden ist. (Foto: 10.02.2019)

Mittwoch, 13. Februar 2019

Vorsicht vor frischem Triebschnee im sehr steilen schattigen und allgemein kammnahen Gelände - Zudem Lockerschnee- und Gleitschneelawinen beachten!

In Tirol ist neuerlich einiges an Neuschnee dazugekommen. Am meisten schneite es ganz im Westen, Norden und Osten Nordtirols sowie in den östlichen Zillertaler Alpen. Häufig waren es zwischen 30 und 50cm. Spitzenreiter war (wieder einmal) die Messstation auf der Seegrube oberhalb von Innsbruck mit knapp 100cm.



Neuschnee ab Sonntag, dem 10.02. abends, starker, Wind, der inzwischen nachgelassen hat. Wetterstation "Am Adamsberg" im Paznauntal

Bei kalten Temperaturen und starkem Wind bildeten sich umfangreiche, zum Teil störanfällige Triebschneeansammlungen.

Schneefahnen in den Lienzer Dolomiten (Foto: 12.02.2019)

Ungemütlich: Starker Wind verfrachtet Schnee. Unterwegs in den Nördlichen Stubaier Alpen. (Foto: 12.02.2019)

Am ehesten lassen sich die frischen Triebschneeansammlungen derzeit im sehr steilen, bisher unverspurten, schattigen Gelände sowie allgemein im sehr steilen kammnahen Gelände stören. Als Schwachschichten für Schneebrettlawinen kommen schattseitig unterhalb der Waldgrenze gebietsweise Oberflächenreif, ansonsten häufig der schon etwas ältere Pulverschnee ("Noppenpulver") in Frage. Zudem kann der von Triebschnee überlagerte frische, kalte Pulverschnee eine Schwachschicht bilden (Dies v.a. auch im besonnten Gelände, wo sich bis zum 10.02. häufig eine Schmelzkruste gebildet hatte). Zu beachten sind gebietsweise noch die im vorigen Blogeintrag erwähnten, oberflächennahen kantigen Schwachschichten in Höhenbereichen zwischen etwa 2300m und 2600m. Im zentralen und südlichen Teil Osttirols besteht unverändert ein latentes Altschneeproblem in bodennahen Schichten. Vermehrt betroffen ist dort inzwischen der Nordsektor.

Speziell in tiefen und mittleren, schattigen Höhenlagen beobachtete man vergangene Woche Oberflächenreif. Obernbergtal (Foto: 05.02.2019)

"Noppenpulver" als mögliche (allerdings nicht allzu reaktive) Schwachschicht. Kitzbüheler Alpen (Foto: 07.02.2019)
In besonnten Hängen wurde die Schneeoberfläche vergangene Woche feucht. Kitzbüheler Alpen (Foto: 07.02.2019)

Ab heute, den 13.02. steht eine lang anhaltende Schönwetterperiode mit strahlendem Sonnenschein und zunehmend steigenden Temperaturen vor uns. Der dadurch bedingte Wärme- und Strahlungsimpuls wird heute am 13.02. zu zahlreichen Lockerschneelawinen aus extrem steilem, besonnten Gelände führen. Zudem sind vereinzelt, insbesondere aus besonntem, kammnahen Gelände spontane Abgänge des frisch gebildeten Triebschnees nicht ganz auszuschließen. Zu beachten ist auch der auf steilem, glatten Untergrund abgleitende Schnee: Gleitschneelawinen auf steilen Wiesenhängen, aber auch - wie während der vergangenen Tage vermehrt beobachtet - Dachlawinen.

Lockerschneelawinen aus felsigem Gelände. Dieses Foto wurde in den Mieminger Bergen am 04.02.2019 aufgenommen. Ähnliches wird heute am 13.02. zu beobachten sein.

Kammnahes Schneebrett im Vordergrund und abgleitender Schnee im Hintergrund. Inzwischen haben sich im kammnahen Gelände zum Teil recht mächtige Triebschneepakete gebildet. Kitzbüheler Alpen (Foto: 07.02.2019)

Schneebrett im Villgratental, welches in bodennahen Schichten gebrochen ist. (Foto: 07.02.2019)

Schneebrett im Defereggental. Bodennahe Schwachschicht als primäre Ursache (Foto: 12.02.2019)

Wir raten heute am 13.02. noch zu Zurückhaltung. Frischer Triebschnee im sehr steilen Gelände sollte möglichst gemieden werden.

Positiv: Wir rechnen mit einer relativ raschen Stabilisierung der Schneedecke, überall dort, wo wir kein latentes Altschneeproblem haben. Zunehmend werden sich frühjahrsähnliche Verhältnisse einstellen.

Ein Pulvertraum in weiten Teilen Tirols. Defereggental (Foto: 12.02.2019)

Samstag, 9. Februar 2019

Lawinenprognose in drei Sprachen: der Satzkatalog


Lawinenwarnung in den Alpen

Die Alpen sind ein außergewöhnlich vielfältiges und einzigartiges Gebirge. In wohl keinem vergleichbaren Gebirgszug auf der Welt treffen auf kleinstem Raum so viele Länder und Kulturen aufeinander. Acht Länder mit fünf unterschiedlichen Sprachen teilen sich hier eine Fläche, welche nur rund zwei Drittel der Größe von Italien entspricht (Fläche der Alpen: 200.000 km²). Genau so vielfältig und unterschiedlich wie die Alpen präsentieren sich auch die verschiedenen Lawinenwarndienste in diesem Gebiet.  

Visualisierung der Warngebiete der verschiedenen Lawinenwarndienste im Europäischen Alpenraum auf der Homepage der Europäischen Lawinenwarndienste (www.avalanches.org).

Über den ganzen Alpenbogen gibt es derzeit rund 30 verschiedene Lawinenwarndienste, welche eine regionale Lawinenvorhersage für die Öffentlichkeit bereitstellen. Obwohl die Beurteilung der Lawinengefahr für alle Mitglieder der Europäischen Warndienste (EAWS) gleich definiert ist, gibt es zahlreiche Unterschiede: manche Warndienste veröffentlichen aktuelle Situationsbeschreibungen (Lagebericht), andere prognostizieren die Lawinengefahr für die Zukunft (Lawinenvorhersage);  manche Warndienste veröffentlichen ihr Warnprodukt jeden Tag, manche in größeren Zeitabständen. Auch die Ausgabezeitpunkte der Lawinenlageberichte bzw. –prognosen sind in den unterschiedlichen Ländern verschieden. Am meisten Kopfzerbrechen für manchen Leser bereiten jedoch die voneinander abweichenden Aufmachungen auf den Homepages der Warndienste: Denn obwohl der Inhalt gleich ist, sehen alle Produkte leicht unterschiedlich aus, scheinen verschiedenartig aufgebaut und sind oft nur in der Landessprache verfasst… 

Die Produkte der verschiedenen Warndienste sehen oft unterschiedlich aus und sind meist nur in der Landessprache verfasst. Links Vanoise (Frankreich), rechts Veneto (Italien).

Der Euregio Lawinenreport


Die intensive Zusammenarbeit der Lawinenwarndienste in der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino und die Erstellung einer gemeinsamen Lawinenvorhersage stellt weltweit ein Novum dar: Der Euregio-Lawinenreport schafft eine Brücke über Länder- und Sprachgrenzen hinweg und präsentiert sich in einem einheitlichen Look mit mehrsprachigem Charakter. Sowohl die Trentiner Skitourengängerin in Tirol, als auch der Tiroler Schneeschuhwanderer im Trentino findet sich auf einer bekannten Seite wieder und kann in seiner Landessprache die aktuellen Informationen zur Lawinengefahr zum gewohnten Zeitpunkt abrufen. Und damit auch der Britische oder Slowenische Skigast in Südtirol nicht zu kurz kommt, gibt’s das Ganze noch in Englischer Sprache. 


Der neue Lawinenreport in der Euregio Südtirol-Tirol-Trentino: Mehrsprachig und länderübergreifend.




Für statische Webseiten, deren Inhalt sich nicht oder nur wenig verändert, ist eine dreisprachige Darstellung mit vergleichbar wenig Aufwand verbunden: Texte werden einmal übersetzt und bleiben dann für unbestimmte Zeit dieselben. 
Kompliziert wird es jedoch für eine tägliche Lawinenvorhersage – unserem Hauptprodukt. Diese soll jeden Tag um 17 Uhr in allen drei Sprachen gleichzeitig veröffentlicht werden. Bei einer Veränderung der Situation erfolgt ein Update um 8 Uhr morgens, bei außergewöhnlichen Situationen ist ein Update auch jederzeit möglich. Die Texte der Gefahrenbeschreibung und der Schneedecke ändern sich täglich, zudem ist auch die Anzahl der Regionen und somit die zu übersetzende Anzahl an Texten variabel (siehe Blog).

Eine professionelle Übersetzung der Lawinenvorhersage in zwei weitere Sprachen wäre somit mit enormem Aufwand und nicht zuletzt finanziellen Kosten verbunden - wäre da nicht der Satzkatalog!

Der Satzkatalog

Der Satzkatalog ist ein vom WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos entwickeltes vollautomatisches Übersetzungssystem speziell für die Lawinenvorhersage.
Es basiert auf einem ausgefeilten Katalog von vordefinierten Sätzen, die aus verschiedensten Satzbauteilen zusammengestellt werden können und anschließend in die Sprachen Englisch, Italienisch und Französisch übersetzt werden. Bei der Erstellung der Lawinenvorhersage, werden die Beschreibung der Lawinengefahr und des Schneedeckenaufbaus also nicht frei geschrieben, sondern aus diesen vordefinierten Sätzen zusammengestellt, sodass sie sofort in allen Sprachen zur Verfügung stehen. Dabei kann als Ausgangssprache sowohl Deutsch (für die Lawinenwarner in Tirol und Südtirol), als auch Italienisch (Südtirol und Trentino) verwendet werden.

Durch die Variation von Satzbausteinen kann eine enorme inhaltliche Vielfalt erzielt und die jeweilige Situation exakt beschrieben werden.

Der Satzkatalog ermöglicht eine automatische Übersetzung der Beurteilung der Lawinengefahr sowie des Schneedeckenaufbaus in Deutsch, Italienisch, Englisch und Französisch.

Da germanische und romanische Sprachen grammatikalisch starke Unterschiede aufweisen, sind automatischen Übersetzungen hinsichtlich der sprachlichen Vielfalt Grenzen gesetzt. Daraus ergeben sich meist kürzere und einfachere Sätze, die vielleicht etwas ungewöhnlich oder repetitiv klingen. Wichtiger jedoch ist, dass alle Informationen klar und verständlich vorhanden und in allen Sprachen verfügbar sind. 

Mithilfe des Satzkatalogs und der damit verbunden automatischen Übersetzung ist der vom Lawinenwarner / von der Lawinenwarnerin verfasste Lawinenreport unmittelbar in allen Sprachen erhältlich.

Fazit

Der neue Lawinenreport in der Euregio Tirol-Südtirol-Trentino wird nicht wie bisher frei Hand geschrieben, sondern mithilfe eines ausgeklügelten Katalogs verschiedenster Sätze mit unzähligen Kombinationsmöglichkeiten erstellt, und auf Knopfdruck in Deutsch, Italienisch und Englisch übersetzt. 

Die Verwendung des Satzkatalogs bedeutet vor allem auf Seite der Lawinenwarner und Lawinenwarnerinnen eine große Umstellung. Texte können nicht mehr frei verfasst werden, sondern müssen über eine Auswahl an Satzteilen zusammengefügt werden. Aber der Vorteil den Lawinenreport jederzeit up-to-date in drei Sprachen zur Verfügung zu haben überwiegt.  

Ermöglicht wurde diese Neuerung insbesondere durch eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit unseren Kollegen in der Lawinenwarnung am WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung SLF in Davos. Vielen Dank dafür!