Samstag, 7. Mai 2022

Gefahr von Nassschneelawinen

Schneedecke wird rasch feuchter

Laut ZAMG-Wetterdienststelle hinterlässt ein Italientief feuchte Luft in den unteren Schichten der Atmosphäre. Es ist schwach windig, wechselhaft und schaueranfällig. Schnee fällt oberhalb etwa 2300m. Kurz: Aprilwetter im Mai.


"Dampfiges" Wetter mit viel Feuchtigkeit führt zu fortschreitender Durchnässung der Schneedecke im ganzen Land.
"Dampfiges" Wetter mit viel Feuchtigkeit führt zu fortschreitender Durchnässung der Schneedecke im ganzen Land.


Dadurch wird die Schneedecke zunehmend feucht bzw. nass. Betroffen sind alle Hangrichtungen. Auf Schattenhänge richten wir unser besonderes Augenmerk. Oberhalb etwa 2400m-2500m werden diese nun erstmalig während des Jahres bis zum Grund nass und dadurch vergleichsweise besonders instabil.


Eine unserer höchst gelegenen Schneestationen im Skigebiet Sölden. Immer wieder Niederschlag. Geringer Tagesgang der Oberflächentemperatur, welche nahe bei 0°C liegt. Ähnliches gilt für den Taupunkt.
Eine unserer höchst gelegenen Schneestationen im Skigebiet Sölden. Immer wieder Niederschlag. Geringer Tagesgang der Oberflächentemperatur, welche nahe bei 0°C liegt. Ähnliches gilt für den Taupunkt.


Vergleich zu oberen Wetterstationsgrafik: Bei der um 700 Höhenmeter tiefer liegenden Wetterstation bei der Jamtalhütte überschreitet der Taupunkt inzwischen die 0°C-Grenze - ein eindeutiges Zeichen für massive Durchnässung der Schneedecke.
Vergleich zu oberen Wetterstationsgrafik: Bei der um 700 Höhenmeter tiefer liegenden Wetterstation bei der Jamtalhütte überschreitet der Taupunkt inzwischen die 0°C-Grenze - ein eindeutiges Zeichen für massive Durchnässung der Schneedecke. 



Vermehrt Nassschneelawinen

Wie schon ausgeführt, erwarten wir insbesondere in Schattenhängen vermehrt (auch tiefer greifende) Nassschneelawinen. Meist wird es sich dabei um Lockerschneelawinen handeln. Vereinzelt sind auch kleine bis mittelgroße Schneebrettlawinen denkbar. Höhenband etwa 2400m-2600m mit steigender Tendenz während der kommenden Tage.

Oberflächennah wird der kürzliche Neuschnee insbesondere bei (diffusem) Strahlungseinfluss instabil. Wir erwarten zahlreiche Lockerschneerutsche und vereinzelt mittelgroße Lockerschneelawinen aus extrem steilem Gelände.

Nicht ganz außer Acht lassen sollte man auch oberflächennahe Schwachschichten, die sich aufgrund von gm.4 (kalt auf warm) hochalpin ausgebildet haben. Bedeutsam sind diese insbesondere dort, wo es während der vergangenen Woche mehr geschneit hat und somit ein mächtigeres "Brett" die Schwachschicht überlagert. Es dürfte sich dabei allerdings nur um ganz vereinzelte Gefahrenstellen handeln. Ein rascher Blick in die Schneedecke samt schnellem Stabilitätstest schafft Klarheit.


Frische Lockerschneelawinen im hinteren Kaunertal (Foto: 05.05.2022)
Frische Lockerschneelawinen im hinteren Kaunertal (Foto: 05.05.2022)


24h-Neuschnee am 30.04.2022. In Osttirol schneite es am meisten. Erhöht war dort kurzfristig auch die Lawinenaktivität
24h-Neuschnee am 30.04.2022. In Osttirol schneite es am meisten. Erhöht war dort kurzfristig auch die Lawinenaktivität


Rasche Reaktion des Neuschnees auf Wärme und Strahlungseinfluss im Frühjahr. Lockerschneelawine in den Deferegger Bergen. (Foto: 01.05.2022)
Rasche Reaktion des Neuschnees auf Wärme und Strahlungseinfluss im Frühjahr. Lockerschneelawine in den Deferegger Bergen. (Foto: 01.05.2022)


Das Frühjahr ist nicht mehr aufzuhalten...

Die ZAMG-Wetterdienststelle prognostiziert für die kommenden Tage anfangs noch wechselhaftes, schaueranfälliges Wetter bei steigenden Temperaturen. Ab Dienstag wird es dann sommerlich warm. Die tiefgreifende Durchnässung der Schneedecke bis in immer höherer Lagen schreitet somit zügig voran. Besondere Vorsicht weiterhin v.a. in Schattenhängen in größeren Höhen.


Unten Frühjahr, oben Frühjahrsverhältnisse, Kleiner Kaserer in den Nördlichen Zillertaler Alpen (Foto: 29.04.2022)
Unten Frühjahr, oben Frühjahrsverhältnisse, Kleiner Kaserer in den Nördlichen Zillertaler Alpen (Foto: 29.04.2022)


Unterwegs in den Zentralen Stubaier Alpen. Ohne Skitragen gehts häufig nicht mehr... (Foto: 04.05.2022)
Unterwegs in den Zentralen Stubaier Alpen. Ohne Skitragen gehts häufig nicht mehr... (Foto: 04.05.2022)


Die Blogbeiträge erscheinen seit Anfang Mai nur mehr in unregelmäßigen Abständen, nämlich dann, wenn sich die Lawinensituation deutlich ändert.

Donnerstag, 28. April 2022

Lockerschneelawinen und kleine Triebschneepakete in hochalpinen, schattigen, kammnahen Steilhängen als Hauptgefahr

Weiterhin recht günstige Verhältnisse mit einem (leichten) tageszeitlichen Anstieg der Gefahr

Vorab: Wir haben aktuell (Stand: 28.04.) wenig Lawinenprobleme. Lockerschneelawinen aus extrem steilem Gelände und kleine, frische Triebschneepakete im hochalpinen, schattigen Gelände bilden die Hauptgefahr. Im Tagesverlauf weicht die Schneeoberfläche in Sonnenhängen auf und verliert etwas an Festigkeit.


Lockerschneerutsche aus extrem steilem Gelände. Stubaier Gletscher. (Foto: 28.04.2022)
Lockerschneerutsche aus extrem steilem Gelände. Stubaier Gletscher. (Foto: 28.04.2022)


Gering mächtiges Schneebrett im extrem steilen, schattigen Gelände unterhalb der Vorderen Jamspitze in der Silvretta. 2900m, NNO. Eingekreist erkennt man eine dünne Kruste, die am 25.04. entstanden ist. Darunter bildete sich in kurzer Zeit aufgrund großer Temperaturgegensätze (Gefahrenmuster "kalt auf warm") eine dünne Schwachschicht. Dieses Problem ist wohl nur sehr vereinzelt anzutreffen. Meist wird das über der Schwachschicht befindliche Brett wohl zu wenig ausgeprägt sein. Vorsicht am ehesten in unmittelbarem Kammbereich.
Gering mächtiges Schneebrett im extrem steilen, schattigen Gelände unterhalb der Vorderen Jamspitze in der Silvretta. 2900m, NNO. Eingekreist erkennt man eine dünne Kruste, die am 25.04. entstanden ist. Darunter bildete sich in kurzer Zeit aufgrund großer Temperaturgegensätze (Gefahrenmuster "kalt auf warm") eine dünne Schwachschicht. Dieses Problem ist wohl nur sehr vereinzelt anzutreffen. Meist wird das über der Schwachschicht befindliche Brett zu wenig ausgeprägt sein. Vorsicht am ehesten im unmittelbaren Kammbereich.


Wetterrückblick

Die vergangene Woche machte dem April alle Ehre. Es war wechselhaft: Immer wieder Niederschlag, zum Teil kräftiger Wind, über die Woche verteilt Wind aus wechselnden Richtungen, für die Jahreszeit eher unterkühlt. Ab dem 27.04. zunehmende Wetterbesserung. Sehr trockene Luft.


Wechselhaft: Ab 27.04. Wetterbesserung. Pitztaler Gletscher
Wechselhaft: Ab 27.04. Wetterbesserung. Pitztaler Gletscher


Ergänzend zu obiger Grafik: Im mittleren Balken wird gemeinsam mit der Lufttemperatur (rot) und dem Taupunkt (blau) auch die Schneeoberflächentemperatur (grau) dargestellt. Gute nächtliche Ausstrahlung am 28.04. und 29.04.)
Ergänzend zu obiger Grafik: Im mittleren Balken wird gemeinsam mit der Lufttemperatur (rot) und dem Taupunkt (blau) auch die Schneeoberflächentemperatur (grau) dargestellt. Gute nächtliche Ausstrahlung am 28.04. und 29.04.)


12h-Schneedifferenz 23.04. auf 24.04.2022
12h-Schneedifferenz 23.04. auf 24.04.2022


Der "hot-spot" der Niederschläge am 24.04. war bei der Station Timmelsjoch in der Gurgler Gruppe.
Der "hot-spot" der Niederschläge am 24.04. war bei der Station Timmelsjoch in der Gurgler Gruppe.
 

Neuerliche Niederschläge zwischen dem 24.04. und dem 27.04.
Neuerliche Niederschläge zwischen dem 24.04. und dem 27.04.


Pulverschnee und Firn

Kurzfristig erlebt man gerade eine Zeit, während der man super Pulverschnee und guten Firn (teilweise unmittelbar vom einen zum anderen übergehend) erleben kann. Aufgrund der trockenen Luft kann dies auch noch morgen am 29.04. der Fall sein. Danach dürfte der Pulver wohl auch hochalpin mit einer Kruste versehen sein. 

 
Pulverschnee auf 3000m in den Stubaier Alpen (Foto: 28.04.2022)
Pulverschnee auf 3000m in den Stubaier Alpen (Foto: 28.04.2022)



"Archiv"-Foto vom 18.04. mit tollem Firn in den Zillertaler Alpen. Ähnliches gibts aktuell auch in steilen besonnten Hängen.
"Archiv"-Foto vom 18.04. mit tollem Firn in den Zillertaler Alpen. Ähnliches gibts auch aktuell in steilen besonnten Hängen.


Ein Blick in die Schneedecke

Wie bereits erwähnt, konzentrieren wir uns derzeit auf mögliche oberflächennahe Schwachschichten, die sich während der vergangenen Tage aufgrund von gm.4 gebildet haben. Betroffen ist am ehesten hochalpines, schattiges Gelände. Wegen der kürzlich überschaubaren Neuschneemengen (meist zwischen 10 und 20cm), aber auch aufgrund bisheriger Rückmeldungen und Schneedeckenuntersuchungen gehen wir von sehr vereinzelten Problembereichen aus. Vorsicht am ehesten im unmittelbaren, kammnahen, extrem steilen, hochalpinen Gelände. Die Absturzgefahr ist dort allerdings höher einzustufen, als eine mögliche Verschüttungsgefahr. 


Auf 3040m, NO in den Stubaier Alpen konnten im Bereich von Krusten nur Teilbrüche erzeugt werden. Schwachschichten waren dort also zu wenig ausgeprägt, als dass sie gefährlich hätten sein können. (Foto: 28.04.2022)
Auf 3040m, NO in den Stubaier Alpen konnten im Bereich von Krusten nur Teilbrüche erzeugt werden. Schwachschichten waren dort also zu wenig ausgeprägt, als dass sie gefährlich hätten sein können. (Foto: 28.04.2022)


Die wohl schlechteste Schneequalität findet man wohl im schattigen Gelände um 2300m. Dort ist die Schneedecke meist in tieferen Schichten völlig durchnässt. Man bricht dort vergleichsweise am leichtesten durch. 

Isothermes Profil auf 2260m in der Silvretta vom 26.04.2022


Am 30.04. erscheint unser letzter täglicher Lawinenreport dieser Saison (Prognose für den 01.05.) - Blogs gibts weiterhin bei gravierenden Änderungen der Schnee- und Lawinensituation


Der Frühling ist nicht mehr aufzuhalten... (Foto: 20.04.2022)
Der Frühling ist nicht mehr aufzuhalten... (Foto: 20.04.2022)

Jetzt schon ein herzliches DANKESCHÖN für die zahlreichen, wertvollen Rückmeldungen!

Donnerstag, 21. April 2022

Meist recht günstige Verhältnisse - Gefahrenstellen bei Durchfeuchtung v.a. in sehr steilen Schattenhängen um 2500m

Südföhn bringt etwas Niederschlag v.a. in den südlicheren Regionen

Nach einem extrem trockenen März hat der April bisher auch noch nicht allzu viel Niederschlag gebracht. Etwas davon soll es spätestens ab Sonntag, 24.04. bei Südföhneinfluss v.a. in den südlicheren Regionen Tirols (Gurgler Gruppe inkl. Osttirol) geben.


Der Alpenhauptkamm am 21.04.2022 als Wetterscheide: Im Süden bereits bedeckt, im Norden großteils sonnig. Gurgler Gruppe
Der Alpenhauptkamm am 21.04.2022 als Wetterscheide: Im Süden bereits bedeckt, im Norden großteils sonnig. Gurgler Gruppe


Während der vergangenen Woche dominierten im Bereich der Adlersruhe Wolken. Aktuell erkennte man die Drehung des Windes auf Süd und nach zwei sonnigen Tagen inzwischen bedeckten Himmel.
Während der vergangenen Woche dominierten im Bereich der Adlersruhe Wolken. Aktuell erkennt man die Drehung des Windes auf Süd und nach zwei sonnigen Tagen inzwischen bedeckten Himmel. 


Meist günstige Verhältnisse - Hauptaugenmerk Durchfeuchtung in Schattenhängen um 2500m

Die vergangene Woche stand großteils im Zeichen von geringer Lawinengefahr mit einem nur zeitweiligen, leichten tageszeitlichen Anstieg auf mäßig. Einzig am Freitag, den 15.03. hatten wir es mit einem kurzen Nassschneezyklus in Schattenhängen zwischen etwa 2300m und 2500m und somit mit ungünstigen Verhältnissen zu tun. Entsprechend gilt unser Hauptaugenmerk nun Schattenhängen in einem Höhenbereich um 2500m. Bei tiefergreifender Durchfeuchtung wird man auch dort vermehrt Lockerschnee- und einzelne meist kleine bis mittelgroße Schneebrettlawinen beobachten können. Aufgrund des aprilhaften Wettercharakters können mehrtägige Prognosen, wann dies nun der Fall sein wird, nur scheitern. Es gilt, die Situation täglich zu beurteilen, denn selbst kleine Änderungen im Wettergeschehen können große Auswirkungen auf die Durchfeuchtung / Durchnässung der Schneedecke haben - Stichwort: Diffuse Strahlung bei hoher Luftfeuchtigkeit und warmen Temperaturen. Ansonsten ist und war es ruhig im Gelände. 


Nach Schneefällen vermehrt Lockerschneelawinen

Ein klassisches Muster ist auch das gesicherte Auftreten von Lockerschneelawinen im extrem steilen Gelände nach Neuschneefällen um diese Jahreszeit. Aufgrund der voraussichtlich nicht allzu ergiebigen Neuschneemengen, die speziell für Sonntag, 24.04. seitens der ZAMG-Wetterdienststelle prognostiziert sind, werden die Lockerschneelawinen meist nur klein bleiben.


Unterdurchschnittliche Schneehöhen

Wie schon im Blogeintrag vom 31.03. hingewiesen: Wir haben es für die Jahreszeit mit unterdurchschnittlichen Schneehöhen in größeren Höhen zu tun. Hier noch ein paar Impressionen dazu...


Haggen im Sellraintal (Foto: 12.04.2022)
Haggen im Sellraintal (Foto: 12.04.2022)


Haggen im Sellraintal - Vergleichsfoto Mitte April 2021
Haggen im Sellraintal - Vergleichsfoto Mitte April 2021


In tiefen und mittleren Höhenlagen sowie sonnseitig bis in große Höhen aper - Lüsenstal (Foto: 18.04.2022)
In tiefen und mittleren Höhenlagen sowie sonnseitig bis in große Höhen aper - Lüsenstal (Foto: 18.04.2022)


Krokusblüte - der Frühling kehrt ein. Gurgler Gruppe (Foto: 20.04.2022)
Krokusblüte - der Frühling kehrt ein. Gurgler Gruppe (Foto: 20.04.2022)


Rückblick auf den eintägigen Nassschneezyklus am 15.04.2022

Wie schon oben, aber auch im vergangenen Blogeintrag angekündigt, hatten wir es am 15.04. mit einem Nassschneeproblem zu tun. Anstatt der damals vereinzelt erwarteten spontanen Lawinenabgängen, waren diese damals doch zahlreicher. Begünstigt wurde alles durch etwas Regen. Auch dazu ein paar Impressionen...


Im Laufe des Freitag, 15.04. begann es bei der Station Hahnenkamm in den Kitzbüheler Alpen zu regnen. Am 16.04. hatte der Nassschneezyklus in Schattenhängen insbesondere auch aufgrund der sinkenden Temperaturen (NO-Strömung) ein jähes Ende.
Im Laufe des Freitag, 15.04. begann es bei der Station Hahnenkamm in den Kitzbüheler Alpen zu regnen. Am 16.04. hatte der Nassschneezyklus in Schattenhängen insbesondere auch aufgrund der sinkenden Temperaturen (NO-Strömung) ein jähes Ende.


Vielfach lösten sich am 15.04. nasse Lockerschneelawinen. Östl. Deferegger Alpen
Vielfach lösten sich am 15.04. nasse Lockerschneelawinen. Östl. Deferegger Alpen


Anflug der Christophorus-Crew zu einem Lawinenabgang auf der Nordseite des Glungezers in den Westlichen Tuxer Alpen. 2300m. Es wurde niemand verschüttet. (Foto: 15.04.2022)
Anflug der Christophorus-Crew zu einem Lawinenabgang auf der Nordseite des Glungezers in den Westlichen Tuxer Alpen. 2300m. Es wurde niemand verschüttet. (Foto: 15.04.2022)


Ebenso nordseitig zwischen etwa 2300m und 2500m vermehrte spontane Lawinenabgänge. Wildlahnertal. Nördliche Zillertaler Alpen ( Foto: 18.04.2022)
Ebenso nordseitig zwischen etwa 2300m und 2500m vermehrte spontane Lawinenabgänge. Wildlahnertal. Nördliche Zillertaler Alpen ( Foto: 18.04.2022)


Pfeile: Spontane Lockerschneelawinen; Magenta: Spontanes Schneebrett, Nordseite Nederkogel in der Gurgler Gruppe (Foto: 20.04.2022)
Pfeile: Spontane Lockerschneelawinen; Magenta: Spontanes Schneebrett, Nordseite Nederkogel in der Gurgler Gruppe (Foto: 20.04.2022)

Donnerstag, 14. April 2022

(Tageszeitliches) Nassschneeproblem und abnehmendes Altschneeproblem

Schneedecke wird feuchter

Mit dem nächtlichen Wolkenaufzug vom 14.04. auf den 15.04. kühlt die Schneedecke während der Nacht nicht mehr ab. Insbesondere in Schattenhängen in einem Höhenband um etwa 2300m dringt die Feuchtigkeit nun vermehrt auch in tiefere, bisher noch trockene Schichten ein. Dadurch verliert die Schneedecke an Festigkeit. Die Wahrscheinlichkeit von feuchten bzw. nassen Rutschen, primär ausgelöst durch Wintersportler, vereinzelt auch spontan steigt dadurch an.


Die Kurve der Oberflächentemperatur verflacht zusehends. Der Taupunkt steigt erstmals sogar über 0°C an. Dies spricht für eine rasche Durchnässung der Schneedecke am Profilstandort.


Selbst auf 3000m haben wir es am 14.04. spätabends mit einer oberflächig feuchten Schneedecke am Profilstandort (Gletscherskigebiet Sölden) zu tun.
Selbst auf 3000m haben wir es am 14.04. spätabends mit einer oberflächig feuchten Schneedecke am Profilstandort (Gletscherskigebiet Sölden) zu tun.

Vorsicht v.a. auch dort, wo diffuser Strahlungseinfluss lokal zu intensivem Energieeintrag und somit vermehrten Schmelzprozessen führt. Fest steht, dass die Schneequalität aktuell leidet.
 

Risse in der Schneedecke als Vorboten möglicher Gleitschneelawinen (Foto: 12.04.2022)
Risse in der Schneedecke als Vorboten möglicher Gleitschneelawinen. Bei weiterem Nässeeintrag steigt die Wahrscheinlichkeit eines Abgangs. (Foto: 12.04.2022)


Abnehmendes Altschneeproblem

Im letzten Blogeintrag wiesen wir auf die Entwicklung oberflächennaher Schwachschichten oberhalb etwa 2600m hin. Dieses Problem hat sich inzwischen weiter zurückgebildet. Betroffen ist aktuell wohl am ehesten noch der Sektor WNW über N bis ONO. Vorsicht v.a. in sehr steilen bis extrem steilen Hängen, wo sich während der vergangenen Woche mehr Triebschnee abgelagert hat. Es handelt sich um ein schwierig einzuschätzendes Problem. Hilfreich ist ein Blick in die Schneedecke bis in den Bereich der eingefärbten Saharastaubschicht von Mitte März.



Bei Schneedeckenuntersuchungen konzentrieren wir uns vermehrt auf oberflächennahen Schichten bis zur Saharastaubschicht, die am Bild gut zu erkennen ist. Dort haben sich in jüngerer Vergangenheit teilweise Schwachschichten gebildet. Vereinzelt sind diese bösartig und somit noch störanfällig. Stubaier Alpen (Foto: 12.04.2022)
Bei Schneedeckenuntersuchungen konzentrieren wir uns aktuell vermehrt auf oberflächennahen Schichten bis zur Saharastaubschicht, die am Bild gut zu erkennen ist. Dort haben sich in jüngerer Vergangenheit teilweise Schwachschichten gebildet. Vereinzelt sind diese bösartig und somit noch störanfällig. Stubaier Alpen (Foto: 12.04.2022)

  

Der Pfeil zeigt auf die mit Saharastaub eingefärbte Schicht. Man erkennt darunter eine weichere Schicht aus kantigen Kristallen. (Mancherorts hat sich oberhalb der Saharastaubschicht eine dünne Schicht aus kantigen Kristallen gebildet.)  Oberflächennah findet man recht häufig auch Graupel. 


Das Foto gehört zu obigem Profil: Oberer Pfeil zeigt auf eine Graupelschicht, der untere auf die Saharastaubschicht von Mitte März. Die Brüche waren unvollständig. (Foto: 14.04.2022)
Das Foto gehört zu obigem Profil: Oberer Pfeil zeigt auf eine Graupelschicht, der untere auf die Saharastaubschicht von Mitte März. Die initiierten Brüche waren am Profilstandort unvollständig. (Foto: 14.04.2022)



Neuschneeprognose von Freitag, 08.04. bis Sonntag, 10.04.2022. Während dieser Niederschläge lagerte sich vielerorts eine zum Teil auch recht ausgeprägte Schicht aus Graupelkörnern ab.
Neuschneeprognose von Freitag, 08.04. bis Sonntag, 10.04.2022. Während dieser Niederschläge lagerte sich vielerorts eine zum Teil auch recht ausgeprägte Schicht aus Graupelkörnern ab. 

Kürzliche Lawinenabgänge ausschließlich auf oberflächennahen Schwachschichten


Hier noch ein paar Bilder von kürzlich gemeldeten Lawinenabgängen in Tirol. Allen gemein sind oberflächennahe Schwachschichten aufgrund gm.4 (kalt auf warm) oder gm.9 (Graupel).


Westliche Liebenerspitze, 3200m, SW (Foto: 10.04.2022)
Westliche Liebenerspitze, Ötztaler Alpen, 3200m, SW (Foto: 10.04.2022)



Kammnahes Schneebrett Wildebene; 2600m, N (Foto: 11.04.2022)
Kammnahes Schneebrett Wildebene im Arlberggebiet; 2570m, NW (Foto: 11.04.2022)



Schneebrettlawine vom 12.04. im Bereich der Knotenspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen.
Schneebrettlawine vom 12.04. im Bereich der Knotenspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen. 2800m Nord.


Drei spontane Schneebrettlawinen vom 12.04. am Marzellkamm in den Ötztaler Alpen, 2930m-3050m, NO (Foto: 13.04.2022)
Drei spontane Schneebrettlawinen vom 12.04. am Marzellkamm in den Ötztaler Alpen, 2930m-3050m, NO (Foto: 13.04.2022)

Wie gehts weiter? 

Im Norden mehr Wolken und etwas Niederschlag, im südlichen Osttirol eher trocken. So präsentiert sich in etwa die Prognose der ZAMG-Wetterdienststelle bis Ostersonntag, 16.04. Es wird wieder kühler. Am Ostermontag soll es mit den Temperaturen dann wieder aufwärts gehen.

Sollte es irgendwo etwas mehr schneien, ist spätestens mit den ersten Auflockerungen mit zahlreichen Lockerschneelawinen aus extrem steilem Gelände zu rechnen. Ansonsten stellen sich ab dem Wochenende zusehends wieder Frühjahrsverhältnisse mit einem Tagesgang der Lawinengefahr ein. Voraussichtlich überwiegen dann in Summe recht günstige Verhältnisse.


Abfahrtsgenuss im Gschnitztal (Foto: 12.04.2022)
Abfahrtsgenuss im Gschnitztal (Foto: 12.04.2022)


Montag, 11. April 2022

Vieles spricht für Gefahrenmuster 4 (kalt auf warm) in großen Höhen

Nach Schneefällen störanfällige Schwachschicht höchstwahrscheinlich aufgrund von gm.4


Schwachschicht aufgrund von gm.4 (kalt auf warm)

In unserem letzten Blogeintrag wiesen wir beim beschriebenen "(kleinen) Triebschneeproblem in großen Höhen" u.a. auf die mögliche Entwicklung von Gefahrenmuster "kalt auf warm" (gm.4) hin. Damals am 07.04. hatten wir noch keine Informationen über die Entwicklung einer bösartigen Schwachschicht. Inzwischen häufen sich jedoch Meldungen über Schneebrettlawinen auf einer oberflächennahen Schwachschicht in großen Höhen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit dürfte es sich dabei um eine Schwachschicht aufgrund des Gefahrenmusters gm.4 handeln.

Aufgrund der uns aktuell zugrundeliegenden Informationen grenzen wir die Problembereiche aufgrund gm.4 grob folgendermaßen ein:

  • Neuschneereiche Regionen, insbesondere Silvretta, Arlberggebiet, Karwendel, Regionen entlang des Alpenhauptkammes und das nördliche Osttirol
  • Schattenhänge zwischen etwa 2600m-2800m
  • Sonnenhänge oberhalb etwa 2800m, vermehrt wohl oberhalb etwa 3000m

Anhand der Monatsgrafik der Station Pitztaler Gletscher erkennt man nicht nur den Beginn der Niederschläge ab dem 31.03., sondern auch folgende Temperatursprünge samt kürzlich kräftigem Windeinfluss.
Anhand der Monatsgrafik der Station Pitztaler Gletscher erkennt man nicht nur den Beginn der Niederschläge ab dem 31.03., sondern auch folgende Temperatursprünge samt kürzlich kräftigem Windeinfluss.


Schwachschicht aufgrund von gm.9 (eingeschneiter Graupel)

Denkbar sind allerdings auch lokal massivere Graupeleinlagerungen, die von den kürzlich entstandenen Triebschneepaketen überlagert sind. Graupel entsteht bevorzugt aufgrund schauerartiger Niederschläge und wird naturgemäß in allen Expositionen gleichermaßen abgelagert. Graupelniederschläge wurden während der vergangenen Niederschlagsereignisse immer wieder beobachtet. Ähnlich wie bei gm.4 gehen wir davon aus, dass Problembereiche von etwa 2600m aufwärts vorhanden sind. 

Einige Rückmeldungen über Lawinenabgänge

Lawinenabgänge wurden uns u.a. von der Wildebene und dem Albonakopf in der Arlbergregion, vom Felderkogel in den Ötztaler Alpen, vom Großglockner in der Glocknergruppe und vom Großen Geiger (SW, 3200m) in der Venedigergruppe gemeldet. Zudem ging heute am 11.04. eine Meldung über großflächige Setzungsgeräusche in der Venedigergruppe oberhalb von etwa 3000m ein.



Anhand der Webcam vom Lucknerhaus lassen sich kürzlich abgegangene spontane Schneebrettlawinen erkennen. Untere Lawine hat sich heute am 11.04. um die Mittagszeit gelöst. SW, 3360m (c) foto-webcam.eu  



Lawinenabgang Felderkogel. Die Lawine wurde fernausgelöst. Nord: 2700m-2750m (Foto: 10.04.2022)
Lawinenabgang Felderkogel. Die Lawine wurde fernausgelöst. Nord, 2700m-2750m (Foto: (c) Hugo Reindl, 10.04.2022)


Nächste Tage noch erhöhte Vorsicht

Mit den zu erwartenden warmen Temperaturen und der Strahlung kann die Schneedecke kurzfristig geschwächt und die Auslösebereitschaft von Schneebrettlawinen erhöht werden. Wir gehen davon aus, dass die Schwachschicht kurz nach deren Durchfeuchtung / Durchnässung nicht mehr zu stören sein wird. Somit wird das Problem schattseitig etwas länger andauern. Dies hängt unmittelbar von der weiteren Wetterentwicklung (u.a. auch diffuse Strahlung) ab und kann aktuell zeitlich nicht genau eingegrenzt werden. WintersportlerInnen mit großer Erfahrung in der Lawinenbeurteilung können allerdings recht einfach mit Schneedecken- und Stabilitätsuntersuchungen ein mögliches Problem erkennen und entsprechend reagieren. Natürlich sind wir über entsprechende Rückmeldungen direkt an lawine@tirol.gv.at besonders dankbar!