Donnerstag, 13. Dezember 2018

Frische Triebschneepakete bilden die Hauptgefahr. Gebietsweise Altschneeproblem beachten!

Lawinenabgänge während der vergangenen Tage weisen zumindest gebietsweise auf eine störanfällige Schneedecke hin. Aktuell sind im Wesentlichen zwei Gefahrenmomente zu beachten:

- Frischer Triebschnee
- Gebietsweise eine störanfällige Altschneedecke

Frischer Triebschnee ist immer dann besonders leicht zu stören, wenn lockerer Neuschnee bei kalten Temperaturen verfrachtet wird. Beides trifft derzeit zu: Es ist sehr kalt. In den Föhnschneisen wehte heute am 13.12. zum Teil starker Wind. Es reicht dann häufig geringe Belastung im Steilgelände aus, um diese Triebschneepakete zu stören. (Pulverschnee bzw. filzige Kristalle bilden dann die Schwachschicht. Letztere wird sich während der kommenden Tage wieder langsam mit den Triebschneepaketen verbinden.)

Besonders entlang des Alpenhauptkammes konnte man heute große Schneeverfrachtungen beobachten. Zillertaler Alpen (Foto: 13.02.2018)


Lawinenunfall unterhalb der Spannagelabfahrt im Skigebiet Hintertuxer Gletscher vom 13.12.2018. Der Hang befindet sich auf 2500m in einem sehr steilen Nordhang. Starker Wind verfrachtete unmittelbar vor dem Lawinenabgang viel Schnee in diesen Hang. Schneedeckenuntersuchungen, die heute am 13.12. durchgeführt wurden, zeigen, dass der frische Triebschnee leicht zu stören war. Die primäre Schwachschicht war überwehter Pulverschnee. (Sekundär dürften auch die im folgenden beschriebenen kantigen Schwachschichten zumindest stellenweise gebrochen sein.) Die Lawine ist ca. 100m lang und 200m breit.

Der Polizeihubschrauber transportiert nach dem Lawinenunfall die Hundeführer ins Tal (Foto: 13.12.2018)

Tiefer in der Schneedecke liegende Schwachschichten scheinen derzeit v.a. in den Regionen entlang des Alpenhauptkammes zwischen etwa 2300m und 2900m insbesondere in Schattenhängen ein Thema zu sein. Im Nahbereich von (Regen-)Krusten findet man dort meist kantige, lockere Kristalle. Diese Schwachschichten sind in der Regel nicht über große Flächen zusammenhängend vorhanden.

Kleine, überwehte, spontane Schneebretter in den Stubaier Alpen auf etwa 2400m Höhe (in Bildmitte) weisen auf eine erhöhte Störanfälligkeit der Schneedecke hin. (Foto: 12.12.2018)

Unterhalb des Pfaffenbichls löste sich ein Schneebrett, als sich Personen in der Abfahrt befanden. Der Anriss befand sich auf 2300m in einem extrem steilen Nordhang. Die Anissmächtigkeit variierte zwischen etwa 20cm und 160cm. Ausgelöst wurden Triebschneepakete vom Wochenende auf kantigen Schwachschichten.

Lawinenunfall vom 12.12.2018 unterhalb des Pfaffenbichls (Foto: 13.12.2018)

Blick vom oberen Bereich des Lawinenanrisses in Richtung Lawinenablagerung. Pfaffenbichl (Foto: 13.12.2018)

Profile zu den oberen Lawinen findet man - wie gewohnt - hier.

Ebenfalls auf kantigen Kristallen löste sich dieses Triebschneebrett im freien Skiraum des Skigebietes Silvretta Skiarena in Ischgl, als eine Person dort abfuhr. Seehöhe: 2300m, West, sehr steil (Foto: 12.12.2018)

Es gibt auch Positives zu berichten: 

Abseits des Alpenhauptkammes haben sich ältere Triebschneepakete allgemein gut verbunden. Dort liegt das Hauptproblem derzeit in meist kleinen, frischen Triebschneeablagerungen, dies häufig im kammnahen, schattigen Gelände.

Überwiegend gute Bedingungen am Arlberg (Foto: 13.12.2018)

Dort, wo es besonders viel geschneit hat beobachten wir zudem vermehrt Gleitschneeabgänge. Diese Lawinen sind meist klein, manchmal auch mittelgroß. 

Zahlreiche Gleitschneeabgänge im Lechtal (Foto: 13.12.2018)

Gleitschneerisse weisen auf eine mögliche Gefahr hin. Wir empfehlen, sich nicht unterhalb solcher Risse aufzuhalten. (Foto: 12.12.2018)

Ausblick für das Wochenende: 

Der heute am 13.12. so starke Wind lässt noch in der Nacht nach. Es sollten sich kaum mehr frische Triebschneepakete bilden. Allerdings werden die heute am 13.12. entstandenen Triebschneepakete aufgrund der niedrigen Temperaturen noch einige Tage störanfällig bleiben. Das gebietsweise Altschneeproblem zwischen etwa 2300m und 2900m in den oben erwähnten Gebieten scheint das vergleichsweise größte Problem zu sein. Wetteränderung am Sonntag, den 16.12.. 
(Was wir noch im Auge behalten: Gefahrenmuster 4 (kalt auf warm) speziell in Sonnenhängen abseits der besonders schneereichen Regionen.)

Dienstag, 11. Dezember 2018

Nach Wintereinbruch ist Zurückhaltung angesagt

In Tirol ist der Winter eingekehrt. Seit Samstag, dem 08.12.2018 sind in der Höhe zum Teil über 100cm Schnee gefallen.

Beträchtliche Neuschneesummen in weiten Teilen Tirols.

Rückblick


In weiten Teilen Tirols sorgte am Freitag, 07. 12. ein Zwischenhoch für recht freundliches Wetter mit milden Temperaturen. Die Nullgradgrenze lag dabei tagsüber nahe 3000m. Die Schneesituation war mit Ausnahme des Alpenhauptkammes bis zu diesem Zeitpunkt relativ dürftig, die Schneedecke meist stark windbeeinflusst und unregelmäßig.

Wenig Schnee und unregelmäßige Schneeverteilung in den Zentralen Stubaier Alpen. Bei den abgeblasenen Rücken tritt mit Saharastaub gefärbter Schnee von Ende Oktober zutage (Foto: 07.12.2018)

In der Nacht auf Samstag, 08.12. kühlte es mit dem Durchzug einer intensiven Kaltfront aus Nordwest abrupt ab. Innerhalb eines kurzen Zeitraumes fielen die Temperaturen um rund 10° C. Begleitet von stürmischem Wind fielen verbreitet 5-10 cm Neuschnee bei einer Schneefallgrenze um die 1000m. Vermehrt wurden auch intensive Graupelschauer beobachtet.

Während der vergangenen Tage beobachtete man vielerorts Graupel, Inntal (Foto: 10.12.2018)

Schneeprofil in der Grieskogelgruppe vom 08.12.2018; Nordost, 2580m, 26°. Unterhalb einer dünnen Triebschneeauflage erkennt man Graupel, welcher während der intensiven Kaltfront in der Nacht auf Samstag, 08.12. gefallen war. Nordseitig, oberhalb von 2400m findet man in der Altschneedecke zudem mögliche Schwachschichten (© Lukas Ruetz).

Nachdem am Samstag, 08.12. eine Warmfront für leichte Milderung und nur geringfügig Niederschlag sorgte, erreichte uns in der Nacht auf Sonntag eine weitere Kaltfront bei stürmischem Wind aus Nordwest. Die Schneefallgrenze sank bis in Tallagen.

In Nordtirol sowie in den Hohen Tauern fielen in hohen Lagen verbreitet 40cm bis 100cm Neuschnee, lokal auch mehr. Am meisten schneite es dabei in den typischen Nordweststaulagen von der Silvretta- und Samnaungruppe über die Verwallgruppe und die Allgäuer Alpen bis zum Karwendel sowie im Wilden Kaiser. In den Deferegger Alpen schneite es mit rund 10cm bis 20cm deutlich weniger, in den Lienzer Dolomiten kaum.

Messstation Pischgraben/Madleinkopf in der Westlichen Verwallgruppe: In der Nacht auf Samstag, 08.12. kommt es mit Durchzug der Kaltfront zu einem schlagartigen Absinken der Temperaturen um mehr als 10°C sowie einer abrupten Zunahme der Windgeschwindigkeit. Die schwache Warmfront bringt darauffolgend kurzzeitig eine leichte Milderung, bevor eine erneute Kaltfront zu einer weiteren Abnahme der Temperaturen führt. Seit Beginn der Niederschläge wurde an der Station rund 100cm Schneezuwachs verzeichnet. Der Wind blies während des Ereignisses stark bis stürmisch aus nordwestlichen Richtungen.

Im mittleren Ötztal wurden bis Montag, 10.12. auf 1400m rund 35cm Neuschnee, im Bereich der Waldgrenze an die 50cm Neuschnee gemessen (Foto: 10.12.2018).

Winterlandschaft auch im Zillertal (Foto: 10.12.2018).
Durch den stark bis stürmischen Wind entstanden oberhalb der Waldgrenze in allen Expositionen umfangreiche Triebschneeansammlungen.

Der Wind als Baumeister der Lawinen verfrachtet den frischen Schnee. Tuxer Alpen (Foto: 08.12.2018)

Mögliche Schwachschichten für Schneebrettlawinen findet man meist innerhalb des Neuschneepakets in Form von kaltem Neuschnee bzw. Graupel. Spontane Lawinen, welche uns während der Niederschlagsperiode gemeldet wurden, waren vermutlich in diesen Schwachschichten angebrochen.

Innerhalb der Altschneedecke findet man zudem Schwachschichten in Schattenhängen zwischen etwa 2400m und 2900m. Es handelt sich um kantige Kristalle zwischen Krusten. Stabilitätsuntersuchungen zeigen bisher unterschiedliches Bruchverhalten, von guter bis zu schlechter Bruchausbreitung.

Weiters trifft man im hochalpinen, vergletscherten, schattigen Gelände noch aufbauend umgewandelten Schnee direkt oberhalb des Gletschereises. Diese Schicht sollte aufgrund der meist kompakten Schneeauflage von Ende Oktober nur in Ausnahmefällen zu stören sein.

Schneeprofil in den Zentralen Stubaier Alpen; Nord, 2615m, 25°. In schattigen Nordhängen findet man häufig eine Abfolge von Krusten und lockeren Schichten. Auch wenn die Schneedecke vor den letzten Niederschlägen sehr inhomogen war, können Schneebrettlawinen, welche im Altschnee anbrechen, nicht ausgeschlossen werden (© LWD Tirol). 

Ausblick

Mit der Wetterbesserung vom Westen her nimmt auch der Wind ab. Triebschneeansammlungen sind zum Teil überschneit und dadurch schwierig zu erkennen. Bei den vorherrschenden kalten Temperaturen dauert es vermutlich einige Tage, bis sich die Triebschneepakete mit den im Neuschnee befindlichen Schwachschichten gut verbunden haben. Wir raten deshalb zu Zurückhaltung im sehr steilen Gelände. Vorsicht auch: Der erste Schönwettertag nach einer stürmischen Schneefallperiode ist immer besonders unfallträchtig!

In ganz Tirol war es am Dienstagmorgen, 11.12 frostig kalt. Die kalten Temperaturen bleiben uns die nächsten Tage erhalten und verhindern ein schnelles Verfestigen der Schneedecke.

Sonst noch zu beachten: Auf steilen Wiesenhängen kann der Neuschnee abgleiten. Bereiche unter Gleitschneerissen sollten möglichst gemieden werden.

Auch Kunstschnee kann als Gleitschneelawine abgehen, wie hier im Skigebiet Hochimst. Inzwischen präsentiert sich dieses Gebiet tief winterlich. (Foto: 05.12.2018)

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Nach einer wechselhaften Woche naht der Winter

Die vergangene Woche war sehr wechselhaft. Immer wieder regnete bzw. schneite es. Die Regengrenze lag zwischen 2000m und 2800m. In der Höhe legte der Wind kräftig zu und blies aus dem Sektor West.

Wechselhaftes Wetter am Beispiel der Station Nachtweide - Palinkopf in der Silvretta

Ein Wechsel aus Sonne und Wolken am Großglockner
Am meisten schneite es im Westen des Landes, wie hier im Bereich von Nauders (Foto: .12.2018)

Windkarte vom 04.12.2018; der Wind blies vorwiegend aus westlichen Richtungen

Der im letzten Blogeintrag erwähnte Pulverschnee in großen Höhen wurde durch den Wind rar und rarer, die Schneeoberfläche unregelmäßiger  und die Anzahl an Triebschneeansammlungen nahm zu. Diese Triebschneepakete waren meist klein, konnten jedoch vereinzelt bereits durch geringe Belastung ausgelöst werden. 

Ein Wintersportler löste am Stubaier Gletscher ein kleines Triebschneepaket aus. Als Schwachschicht diente dort überwehter Pulverschnee (Foto: 03.12.2018)

Eine vom Wind geprägte Schneeoberfläche am Rettenbachferner (Foto: 05.12.2018)

Die derzeitige Schneesituation in Nord- und Osttirol erlaubt Skitouren nur in sehr begrenztem Maße. Am meisten Schnee liegt am Alpenhauptkamm von den Ötztaler Alpen bis zu den Hohen Tauern. Eine geschlossene Schneedecke befindet sich hier meist oberhalb rund 2200m bis 2400m. In den übrigen Landesteilen liegt bisher meist zu wenig Schnee für Schneesport Abseits der Pisten. 

Die Schneelage ist entlang des Alpenhauptkammes oberhalb von rund 2200m bis 2400m recht gut...

...abseits des Alpenhauptkammes liegt bisher allerdings nur wenig Schnee, wie hier in Osttirol (Foto: 04.12.2018)

Insbesondere dort, wo mit den intensiven Niederschlägen Ende Oktober viel Schnee gefallen ist, findet man eine solide Schneedeckenbasis vor. Krusten und lockere Schwachschichten sind hier meist nur oberflächennah anzutreffen. In anderen Gebieten hingegen findet man aufgrund der geringen Schneemächtigkeit und der dadurch verstärkten aufbauenden Umwandlung eine oft ungünstig aufgebaute Schneedecke mit ausgeprägten Schwachschichten.

Schneeprofil Vordere Schwenzerspitze in der Gurgler Gruppe vom 05.12.2018; West, 2800m, 30°.  Eine kompakte Schneedeckenbasis mit einigen wenigen Krusten im oberen Teil der Schneedecke. Alles in allem ein sehr solider Aufbau für zukünftige Belastung in Form von Neuschnee (© Nicolas Metz).

Schneeprofil am Hoarberger Kar in den Östl. Tuxer Alpen vom 02.12.2018; Nord, 2400m, 30°.
Ein Schneeprofil gezeichnet durch einen ständigen Wechsel von warm und kalt: Die Krusten sind durch den Einfluss von hohen Temperaturen und Regen entstanden. Während klaren, kalten Tagen und Nächten konnten sich durch aufbauende Umwandlung Schwachschichten am Boden sowie zwischen den Krusten bilden. Bisher fehlt noch die relevante Schneeauflage - das "Brett" - für die Auslösung einer Schneebrettlawine (© Florian Wechselberger).

Wie geht es weiter? 
In der Nacht von Freitag auf Samstag erreicht uns eine Kaltfront aus Nordwesten, welche von stürmischen Winden begleitet erste Schneefälle mit sich bringt. Die Schneefallgrenze sinkt dabei gegen 1000m. In den darauffolgenden Tagen schneit es verbreitet in ganz Tirol bei weiterhin sinkender Schneefallgrenze. Die Hauptniederschlagsgebiete liegen dabei in den typischen Nordwest-Staulagen des Landes. In Osttirol fällt insbesondere nach Süden zu deutlich weniger Schnee.
Mit Schneefall und Wind wird auch die Lawinengefahr verbreitet ansteigen.

Neuschneeprognose bis Dienstagmorgen, 11. Dezember

Freitag, 30. November 2018

Touren weiterhin nur eingeschränkt möglich

Vereinzelte Gefahrenstellen durch kleinräumige, gut erkennbare Triebschneepakete
 
In weiten Teilen des Landes liegt zu wenig Schnee, um im Gelände vernünftig als Wintersportler unterwegs zu sein. Einzig aus den Regionen entlang des Alpenhauptkammes bekommen wir aus hoch gelegenen, vornehmlich schattigen Bereichen Rückmeldungen über zum Teil recht passable Verhältnisse. 


Schattseitig schaut es in großen Höhen mitunter winterlich aus. Unterwegs südlich der Venedigergruppe (Foto: 28.11.2018) 

Wenig(er) Schnee südseitig (Foto: 28.11.2018) 


Pulverschnee zum Skifahren findet man also fast nur schattseitig in großen Höhen. Dieser liegt auf einer meist tragfähigen Altschneeoberfläche und stammt zum Teil noch von vergangenen Schneefällen, wie am 19.11. sowie jenen am 23./24.11. und 27.11.2018.

Niederschlag und Schneehöhenverlauf der vergangenen Woche im Kühtai.


Die Schneefälle vom 27.11. betrafen vermehrt Nordtirol (jene um den 23.11. eher den Süden.) 


Pulverschnee im Nahbereich des Stubaier Gletschers (Foto: 28.11.2018) 


Pulverschnee im hinteren Ötztal (Foto: 28.11.2018) 


Blick Richtung Galzig im Arlberggebiet vor den Schneefällen am 27.11. (Foto: 26.11.2018) 


Blick Richtung Galzig im Arlberggebiet nach den Schneefällen vom 27.11. (Foto: 28.11.2018) 


Blick Richtung Galzig im Arlberggebiet: Die steigenden Temperaturen samt Strahlungseinfluss fördern den Schmelzprozess (Foto: 29.11.2018) 

Während der schwachen Frontdurchgänge wehte zum Teil stärkerer Wind aus unterschiedlichen Richtungen.

Ein windexponierter Standort: Der Patscherkofel südlich von Innsbruck. Anfangs wehte dort Südwind, der ab dem 26.11. bei sinkenden Temperaturen auf Nord drehte. Dann neuerliche Richtungsänderung auf Süd. 

Kleinräumig und zudem eher vereinzelt bildeten sich deshalb in großen Höhen Triebschneepakete, die mitunter schattseitig im Steilgelände zu stören sind. Mit etwas Erfahrung kann man diese Triebschneepakete allerdings sehr leicht erkennen und ihnen ausweichen.

Schaut man sich die Altschneedecke näher an, so gilt weiterhin das im letzten Blog Gesagte: Schwachschichten sind mitunter vorhanden, eine Störung ist unter den gegebenen Umständen derzeit aber eher unwahrscheinlich. 


Eine oberflächennahe Abfolge von Krusten und lockeren Schichten stellt derzeit noch kein Problem dar, muss aber für die Zukunft im Auge behalten werden. Stubaier Gletscher (Foto: 28.11.2018) 

Somit ist in den schneereicheren Regionen weiterhin in Bezug auf die Lawinengefahr von überwiegend günstigen Verhältnissen auszugehen. Die Gefährdung durch möglichen Steinkontakt ist deshalb in Summe wohl höher einzuschätzen als jene durch Lawinen. Sonst noch erwähnenswert: Die vergangene Woche wurde weiter zum Beschneien genutzt.

Schneekanonen im Vollbetrieb im Kühtai. Der Skibetrieb startet hier dieses Wochenende (Foto: 28.11.2018) 

Donnerstag, 22. November 2018

Eine erste Schneedeckenanalyse


Bisheriger Winterverlauf

Der Winter ist vorerst nur in hohen und hochalpinen Lagen weiter im Süden des Landes eingekehrt. Maßgeblich beteiligt dafür waren die intensiven Niederschläge Ende Oktober. Bekanntlich gingen diese mit Unwettern einher, die im Süden zu Vermurungen, Überschwemmungen und großflächigen Windwürfen führten.

Ein Blick auf die hochgelegene Wetterstation am Pitztaler Gletscher in den Ötztaler Alpen hilft, das Wettergeschehen des heurigen Winters besser Revue passieren zu lassen: Die für die Schneedecke zumindest teilweise erstmals bedeutsamen Schneefälle gab es am 24.09., 01.10. und ab dem 24.10.2018. Auffallend sind die lange Schönwetterperiode ab Anfang Oktober sowie die großen Niederschlagsmengen Ende Oktober samt Sturm.

Bodennahe Schwachschicht

Für eine umfassende Schneedeckenanalyse ist es immer wichtig, die Entwicklung ab den ersten Schneefällen im Herbst zu verfolgen: Erstmals wurde es im Gebirge bereits am 25.08.2018 weiß (eine Kaltfront beendete den fünftwärmsten August der Messgeschichte). Dieser Schnee schmolz sehr rasch dahin, was vielerorts auch bei den folgenden Schneefällen am 01.09., 07.09., 24.09. und am 01.10. der Fall war.

Kurzfristig angezuckert, rasch wieder ausgeapert. Blick vom Nebelhorn in Oberstdorf Richtung Südosten am 02.10.2018 (© foto-webcam.eu)

In weiten Teilen Tirols war bis knapp Ende Oktober (nach einer dreiwöchigen Schönwetterphase) kein Herbstschnee mehr zu beobachten. Blick vom Nebelhorn in Oberstdorf Richtung Südosten am 26.10.2018 (© foto-webcam.eu)

Allerdings traf dies  nicht für hochalpines, insbesondere vergletschertes und zudem schattiges Gelände zu. Trotz des überdurchschnittlich sonnigen und warmen Oktobers (zehntwärmster der Messgeschichte) blieb Schnee dort liegen. An der Schneeoberfläche bildete sich dabei häufig eine mehr oder weniger dicke Schmelzkruste aus. Darunter begann sich der Schnee mitunter umzuwandeln, d.h. er wurde lockerer und bindungsloser. Fazit: An der Basis einiger uns zur Verfügung stehender Schneeprofile findet man lockere, kantige Kristalle bzw. Schwimmschnee – mögliche Schwachschichten für Schneebrettlawinen.

Schneeprofil am Kraspesferner in den Stubaier Alpen vom 04.11.2018; Nord, 2935m, 22°. Man erkennt die bodennahe, lockere Schicht. Die Eislamelle stammt von den Schneefällen bis 02.10. und bildete sich während der anschließenden 3-wöchigen Schönwetterphase. (© Lukas Ruetz)

Schneeprofil am Hintertuxer Gletscher in den Zillertaler Alpen vom 15.11.2018; Nordwest, 3070m, 38°. Ähnlich wie bei vorangegangenem Profil erkennt man unter einer harten Kruste lockeren, bodennahen Schwimmschnee. (© Stephan Mitter)

Vereinzelt lösten sich auf dieser bodennahen Schwachschicht bereits Schneebrettlawinen.

Schneebrettlawine, die während der stürmischen Niederschlagsperiode Ende Oktober in einer bodennahen Schwachschicht (auf Gletschereis) unterhalb des Grundschartners in den Zillertaler Alpen abgegangen ist. (Foto: 18.11.2018)

Abfolge von Krusten und lockeren Schichten in Oberflächennähe

Bedeutsam sind zudem Entwicklungen in oberflächennahen Schichten beginnend von etwa 2500m aufwärts. Innerhalb der ersten 10-30cm findet man teilweise eine Abfolge von Krusten und lockeren Kristallen. Die Krusten entstanden durch Regen bis häufig 2700m, lokal bis 3000m hinauf. Sie bildeten sich in besonnten Hängen aber auch durch Strahlungs- und Wärmeeinfluss.

Schneeprofil beim Tuxerfernerhaus in den Zillertaler Alpen vom 15.11.2018; Nord, 2660m, 25°. Die Abfolge von Krusten und lockeren Kristallen ist ein Resultat aus sich ändernden Temperaturen mit Schneefall und Regen während der Schlechtwetterphase ab dem 27.10. sowie anschließenden Umwandlungsprozessen. (© Walter Würtl)

Schneeprofil Riepenkees in den Zillertaler Alpen vom 15.11.2018; Ost, 2810m, 33°. Auch hier erkennt man die Abfolge von Krusten und lockeren Kristallen in oberflächennahen Schichten. Der Unterbau ist kompakt (© Peter Bletzacher)

Vereinzelt beobachtete man beim Betreten solch aufgebauter Schneedecken Risse bzw. konnte man Setzungsgeräusche wahrnehmen.

Eine lockere Schicht ca. 10cm unterhalb der Schneedecke angrenzend an eine Kruste wurde bei deren Betreten gestört. Die Folge: Setzungsgeräusch samt Rissbildung. Dies wurde vermehrt in flacherem und besonntem Gelände in einem Höhenbereich zwischen etwa 2500m und 2800m beobachtet. Südliche Ötztaler Alpen; 14.11.2018 (© Hugo Reindl)

Bei einem Stabilitätstest im Bereich des Hintertuxer Gletschers löste sich dieses oberflächennahe Schneepaket (Foto: 16.11.2018)

Ein Blick auf Wetterstationsgrafiken hilft bei der Interpretation dieser oberflächennahen Schichtabfolge:

Drei Wetterstationsgrafiken unterschiedlicher Standorte: Jamtalhütte am Alpenhauptkamm, Hochfilzen im Norden und Assling im Süden des Landes. Wir konzentrieren uns primär auf die zwei obersten Grafiken der Jamtalhütte: Ein Auf und Ab bei der Schneehöhe geht mit einem gegengleichen Verlauf der Lufttemperatur einher. Regen am 27.10., dann Schneefall am 28.10., der wieder in Regen übergeht (Schneehöhe nimmt ab). Dann am 29.10. und 30.10. neuerliche Abfolge von Schneefall und Regen. Auffallend ist auch der Nord-Süd-Gradient bei den Niederschlagsmengen (wobei zum Vergleich die unterschiedliche Skalierung beachtet werden muss).

Erste Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung

Am Rettenbachferner in den Südlichen Ötztaler Alpen wurden heuer die ersten Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung registriert. Zweimal (am 31.10. und am 03.11.) lösten Personen Lawinen aus, wurden jedoch jeweils nicht mitgerissen.

Lawinenabgang Rettenbachferner vom 03.11.2018. Die Lawine ging bis aufs Gletschereis ab. (Foto: 03.11.2018)

Schneeprofil zum Lawinenabgang Rettenbachferner vom 03.11.2018. Nordost, 2980m, 34°. Komplexe Schichtabfolge. (© Lukas Ruetz)

Wetterstationsgrafik Rettenbachferner: Bedeutsam für die Lawinenabgänge waren auch die Schneefälle ab dem 27.10. (Zu erkennen auch die letzten Neuschneefälle, die in der Höhe super Pulver brachten)

In Summe dennoch derzeit überwiegend günstige Verhältnisse

Obwohl man in gewissen Höhen- und Expositionsbereichen mögliche Schwachschichten für Schneebrettlawinen findet, kann in Summe dennoch von einer recht günstigen Situation ausgegangen werden. Dies hat zweierlei Gründe:

Die bodennahen Schwachschichten sind häufig von kompakten Schichten überlagert, sodass eine Störung durch Wintersportler unwahrscheinlich erscheint.

Bei den oberflächennahen Schichten spielt hingegen die derzeit meist nur geringe Überlagerung von Schnee ein Rolle: Das für das Schneebrett relevante „Brett“, also eine ausreichende Schneeauflage über der Schwachschicht fehlt.

Hochalpin findet man häufig eine massiv vom Wind beeinflusste und dadurch harte Schneedecke, so wie hier am Daunkoglferner in den Stubaier Alpen. (Foto: 14.11.2018)

Saharastaub

Wer in die Schneedecke gräbt wird nicht selten auf eine gelbliche Schicht stoßen. Es handelt sich dabei um Saharastaub, der sich um den 29.10. durch die Niederschläge massiv abgelagert hat.
Saharastaub, der sich im Norden ausbreitete

Die gelbe Schicht am Pistenrand in Hochgurgl wurde durch Saharastaub gefärbt. (Foto: 15.11.2018)

Schneekanonen

Die erste Novemberhälfte ist neuerlich überdurchschnittlich warm ausgefallen. Erst mit dem Rückgang der Temperatur ab dem 17.11. konnten deshalb in Tirol die Schneekanonen in Gang gesetzt werden. Laut Medienberichten laufen beispielsweise in der Silvretta Skiarena in Ischgl derzeit 1240 Schneekanonen, die bisher 800.000 m³ Schnee produzierten und dafür 300.000 m³ Wasser benötigten. Heute am 22.11. beginnt dort die Skisaison.

Schneekanonen laufen in Tirol auf Hochtouren. Blick vom Rofan in Richtung Süden. (Foto: 18.11.2018)

Künstlicher Schnee auch im grenznahen Bayern (Foto: 21.11.2018) © foto-webcam.eu

Weitere Impressionen…

Start der Skitourensaison in Osttirol für all jene, die auch längeres Skitragen bis etwa 2300m hinauf in Kauf nehmen (Foto: 14.11.2018)

Firngenuss im Frühwinter, Osttirol (Foto: 12.11.2018)

Pulver vom 19.11. in den Südlichen Ötztaler Alpen (Foto: 20.11.2018)

Kammnaher Oberflächenreif in einem Schattenhang oberhalb von  Serfaus (Foto: 12.11.2018)

Nicht selten: Anraum auf Gipfelkreuzen entlang des Alpenhauptkammes (Foto: 08.11.2018)

Der Hauptgrund für den Anraum: Feuchte Witterung samt stürmischem Wind. Kein Einzelfall, dass bei den Wetterstationen Böen um 150 km/h, zum Teil – wie bei dieser Station in den Südlichen Ötztaler Alpen – bis knapp 200 km/h gemessen wurden.

(Dieser Beitrag wurde unter Mithilfe unseres Praktikanten Michael Reisecker erstellt.)