Freitag, 27. Januar 2023

Lawinenunfall fordert im südlichen Osttirol ein Todesopfer - meist mäßige Lawinengefahr oberhalb etwa 2200m

Erstes Lawinenopfer dieser Wintersaison

Der Unfallhergang

Gestern am 25.01.2023 verstarb eine Person nach einem Lawinenabgang unterhalb des Widerschwings am Karnischen Kamm. Beim Lawinenabgang waren 4 Personen beteiligt, eine befreundete 3-er Gruppe und eine Einzelperson. Die Einzelperson folgte der 3-er Gruppe teilweise in einer eigenen Aufstiegsspur. Wenige Sekunden vor dem Lawinenabgang nahm die 3-er Gruppe ein Setzungsgeräusch wahr. Die Lawine erfasste eine Person der 3-er Gruppe sowie die Einzelperson. Beide Personen wurden total verschüttet. Sekundär löste sich orographisch rechts eine zweite Lawine. Dadurch vergrößerte sich nochmals die Verschüttungstiefe der beiden Personen. Durch rasche Kameradenrettung konnte die Person der 3-er Gruppe innerhalb kurzer Zeit ansprechbar aus eine Tiefe von ca. 2,5m geborgen werden. Die Einzelperson hatte keine Notfallausrüstung dabei und wurde ca. 4 Stunden nach dem Lawinenabgang durch einen Sondentreffer in einer Tiefe von etwa 2m aufgefunden. Unter Reanimation wurde die Person in die Innsbrucker Klinik transportiert wo sie noch am selben Tag verstarb.



Übersichtsbild der Lawinen unterhalb des Widerschwings. Die Rettungskräfte sind noch beim Sondieren. Im Bereich des Kreises wurden schlussendlich beide Personen gefunden. Der rote Pfeil symbolisiert die Aufstiegsspur der Einzelperson, der blaue Pfeil jene der 3-er Gruppe. Oberhalb des blauen Pfeils erkennt man zwei Spuren. Das sind Ausfahrtsspuren zweier Personen der 3-er Gruppe. Die Hauptlawine war jene rechts im Bild, die Sekundärlawine löste sich links davon. Die Hauptlawine ist ca. 30m breit und 250m lang. Die Sekundärlawine misst bis zur Hauptlawine eine Länge von 75m.(Foto: 25.01.2023)
Übersichtsbild der Lawinen unterhalb des Widerschwings. Die Rettungskräfte sind noch beim Sondieren. Im Bereich des Kreises wurden schlussendlich beide Personen gefunden. Der rote Pfeil symbolisiert die Aufstiegsspur der Einzelperson, der blaue Pfeil jene der 3-er Gruppe. Oberhalb des blauen Pfeils erkennt man zwei Spuren. Das sind Ausfahrtsspuren zweier Personen der 3-er Gruppe. Die Hauptlawine war jene rechts im Bild, die Sekundärlawine löste sich links davon. Die Hauptlawine ist ca. 30m breit und 250m lang. Die Sekundärlawine misst bis zur Hauptlawine eine Länge von 75m.(Foto: 25.01.2023)


Rechts neben dem Alpinpolizisten erkennt man die zwei Verschüttungsstellen im unmittelbaren Nahbereich. (Foto: 26.01.2023)
Rechts neben dem Alpinpolizisten erkennt man die zwei Verschüttungsstellen im unmittelbaren Nahbereich. (Foto: 26.01.2023) 


Die Erhebungen seitens der Alpinpolizei und des Lawinenwarndienstes wurden mit Unterstützung des Landeshubschraubers durchgeführt. (Foto: 26.01.2023)


Kurze Unfallanalyse

Gemeinsam mit der Alpinpolizei führten wir heute die Erhebungen durch. Die für den Lawinenabgang bedeutsame Schwachschicht bestand aus kantigen Kristallen. Die kantigen Kristalle waren zwischen zwei in Auflösung befindlichen Schmelzkrusten eingebettet, welche vom Weihnachtsregen stammten. Dieser "Krustensandwich" ist nur in einem schmalen Höhenband zwischen etwa 2200m und 2400m anzutreffen und v.a. in Schattenhängen zu beachten. Förderlich für den Lawinenabgang waren auf alle Fälle die vorangegangenen Schneefälle, die im Unfallgebiet um 50cm betrugen. Ebenso förderlich war der zum Teil kräftige Windeinfluss aus NO. Schneefall und Wind bildeten über der Schwachschicht ein Brett, welches die Bruchfortpflanzung innerhalb der Schwachschicht begünstigte.


Stabilitätsuntersuchungen am Lawinenanriss. Das Gelände ist dort bis zu 45° steil. (Foto: 26.01.2023)
Stabilitätsuntersuchungen am Lawinenanriss. Das Gelände ist dort bis zu 45° steil. (Foto: 26.01.2023)



Eines, der bei der Unfalllawine aufgenommenen Schneeprofile. Die Schwachschicht befindet sich zwischen zwei Schmelzkrusten. Das Profil wurde orographisch links der Sekundärlawine auf 2350m aufgenommen. Die Steilheit betrug dort 33°, der Hang ist Richtung Westen ausgerichtet. (Profil vom 26.01.2023)
Eines, der bei der Unfalllawine aufgenommenen Schneeprofile. Die Schwachschicht befindet sich zwischen zwei Schmelzkrusten. Das Profil wurde orographisch links der Sekundärlawine auf 2350m aufgenommen. Die Steilheit betrug dort 33°, der Hang ist Richtung Westen ausgerichtet. Weitere Profile findet ihr auf lawis.at (Profil vom 26.01.2023)


In weiten Teilen Tirols mäßige Lawinengefahr

Nach einer langen Periode mit erhebliche Lawinengefahr herrscht inzwischen in weiten Teilen Tirols oberhalb etwa 2200m mäßige Lawinengefahr, darunter ist diese gering. Die der Lawinengefahr zugrundeliegenden Lawinenprobleme sind unverändert ein Triebschneeproblem und ein Altschneeproblem. Das Triebschneeproblem sollte v.a. noch in kammnahen, schattigen Steilhängen beachtet werden.


Kammnahes, kleines Schneebrett in den Nördlichen Zillertaler Alpen (Foto: 22.01.2023)
Kammnahes, kleines Schneebrett in den Nördlichen Zillertaler Alpen (Foto: 22.01.2023)


Das Altschneeproblem ist diffus verteilt. Gefahrenstellen sind aktuell nicht allzu verbreitet. Im Steilgelände, welches bisher wenig befahren wurde, scheint ein Höhenband zwischen etwa 2200m und 2400m in schattigen Hängen vermehrt betroffen zu sein. In West- und Ost-Hängen beobachten wir Problembereiche meist von 2500m aufwärts, in kammnahen, mit Triebschnee gefüllten, vornehmlich Westhängen mitunter auch schon von etwa 2300m aufwärts. Steile Südhänge sind oberhalb etwa 2800m davon betroffen.



Schneeprofil West, 2340m, 26° in der Glockturmgruppe. Es gibt mehrere potentielle Schwachschichten. Häufig fehlt aktuell ein ausgeprägtes Brett darüber. (Profil vom 26.01.2023)
Schneeprofil West, 2340m, 26° in der Glockturmgruppe. Es gibt mehrere potentielle Schwachschichten. Häufig fehlt aktuell ein ausgeprägtes Brett darüber. (Profil vom 26.01.2023) 



Schneebrettlawine in einem Südhang auf ca. 2900m im Bereich der Schöntalspitze im Sellrain. Die Lawine löste sich am 25.01., als sich eine Person im Aufstieg befand. (Foto: 26.01.2023)
Schneebrettlawine in einem Südosthang auf ca. 2850m im Bereich der Schöntalspitze im Sellrain. Die Lawine löste sich am 25.01., als sich eine Person im Aufstieg befand. (Foto: 26.01.2023) 


Pulverschnee und für die Jahreszeit immer noch wenig Schnee

Die letzten zwei Niederschlagsereignisse brachten zwar gebietsweise etwas Schnee, doch für die Jahreszeit liegt vielerorts immer noch unterdurchschnittlich Schnee.



Zwischen dem 19. und 22.01. schneite es v.a. im Norden des Landes
Zwischen dem 19. und 22.01. schneite es v.a. im Norden des Landes



Zwischen dem 21. und 24.01. war hingegen der Süden vom Neuschnee begünstigt.
Zwischen dem 21. und 24.01. war hingegen der Süden vom Neuschnee begünstigt.



In Mulden und mit etwas Glück gelingt eine Abfahrt ohne Steinkontakt. Bezeichnend für viele Bereiche Tirols (Foto: 26.01.2023)
In Mulden und mit etwas Glück gelingt eine Abfahrt ohne Steinkontakt. Bezeichnend für viele Bereiche Tirols (Foto: 26.01.2023)



Die vergangene Woche war doch auch mancherorts von gutem Pulverschnee und wenig Steinkontakt geprägt. Östliche Tuxer Alpen (Foto: 22.01.2023)
Die vergangene Woche war doch auch mancherorts von gutem Pulverschnee und wenig Steinkontakt geprägt. Östliche Tuxer Alpen (Foto: 22.01.2023)



Am winterlichsten schaut es derzeit im südlichen Osttirol aus. (Foto: 24.01.2023)
Am winterlichsten schaut es derzeit im südlichen Osttirol aus. (Foto: 24.01.2023)


Wildschnee und Oberflächenreif

Aufgrund der kalten Temperaturen und der NO-Strömung fiel der Schnee, dort wo kein Wind wehte, als Wildschnee. Im extrem steilen, besonnten Gelände lösten sich in Folge vermehrt Lockerschneelawinen. Inzwischen hat sich zumindest in bestimmten Höhenbändern recht flächig Oberflächenreif ausgebildet. Besonders ausgeprägt ist dieser im Bereich der Nebelobergrenzen.



Oberflächenreif in den Östlichen Tuxer Alpen (Foto: 24.01.2023)
Oberflächenreif in den Östlichen Tuxer Alpen (Foto: 24.01.2023)



Während der vergangenen Woche hatten wir zum Teil perfekte Voraussetzungen für einen als "radiation recrystallisation" bekannten Prozess. Bei sehr kalten Temperaturen, sehr trockener Luft und bereits intensiver Sonneneinstrahlung bleibt Wildschnee an der Oberfläche noch trocken und fluffig, während die Schneedecke wenige cm darunter feucht wird. Durch die Ausstrahlung während der Nacht bildet sich dort eine dünne Schmelzkruste. Unter ungünstigen Voraussetzungen können sich nachfolgend im Bereich der Schmelzkruste Schwachschichten ausbilden. (Foto: 25.01.2023)
Während der vergangenen Woche hatten wir zum Teil perfekte Voraussetzungen für einen als "radiation recrystallisation" bekannten Prozess. Bei sehr kalten Temperaturen, sehr trockener Luft und bereits intensiver Sonneneinstrahlung bleibt Wildschnee an der Oberfläche noch trocken und fluffig, während die Schneedecke wenige cm darunter feucht wird. Durch die Ausstrahlung während der Nacht bildet sich dort eine dünne Schmelzkruste. Unter ungünstigen Voraussetzungen können sich nachfolgend im Bereich der Schmelzkruste Schwachschichten ausbilden. (Foto: 25.01.2023)



Nebel über dem Inntal. Nebel fördert während klarer Nächte die Bildung von Oberflächenreif (Foto: 26.01.2023)
Nebel über dem Inntal. Nebel fördert während klarer Nächte die Bildung von Oberflächenreif (Foto: 26.01.2023)


Ausblick

Wetterbestimmend ist vorerst zumindest im Norden des Landes recht hartnäckiger Nebel, der bis etwa  2000m hinauf reichen kann. Es ist kalt, Wind weht mitunter etwas stärker. Ab Montag, 30.01.2023 stellt sich das Wetter markant um. Eine West bis Nordwest-Strömung bringt winterliche und stürmische Verhältnisse.


Ab kommender Woche wird die Lawinengefahr rasch ansteigen. Lawinenunfälle werden dadurch wahrscheinlicher. Hier im Bild ein Lawinenabgang unterhalb des Padauner Bergs in den Nördlichen Zillertaler Alpen in einem Schattenhang im Waldgrenzbereich vom 22.01.2023 (Foto: 24.01.2023)
Ab kommender Woche wird die Lawinengefahr rasch ansteigen. Lawinenunfälle werden dadurch wahrscheinlicher. Hier im Bild ein Lawinenabgang unterhalb des Padauner Bergs in den Nördlichen Zillertaler Alpen in einem Schattenhang im Waldgrenzbereich vom 22.01.2023 (Foto: 24.01.2023) 

Sonntag, 22. Januar 2023

Sicher und gefährlich liegen oft eng beieinander - Frischer Triebschnee ist meist sehr störanfällig

Kalter, lockerer Pulverschnee bildet eine sehr reaktive Schwachschicht

Ergänzend zum letzten Blogeintrag möchten wir nochmals darauf hinweisen, dass der frische Triebschnee meist sehr störanfällig ist. Dies hat mit der Schwachschicht zu tun, die aus lockerem, kalten Pulverschnee besteht. Es handelt sich dabei (in windberuhigten Gebieten) um so genannten Wildschnee, also einen sehr fluffigen Schnee. Dieser verbindet sich sehr schlecht mit darüber gelagertem Triebschnee. Kurzfristig (aktuell handelt es sich da um einige Tage) ist der kalte, lockere Pulverschnee gleich bösartig oder gleich reaktiv wie eingeschneiter Oberflächenreif. Man beobachtet deshalb beim Betreten frischer Triebschneepakete häufig Rissbildungen oder aber hört Setzungsgeräusche. Vereinzelt sind auch Fernauslösungen möglich. Zudem wurden uns spontane Lawinenabgänge gemeldet. Meist handelt es sich dabei um kleine Schneebretter, in der Höhe in Kammnähe sind diese z.T. auch mittelgroß.


Hohe Variabilität - sicher und gefährlich liegen oft eng beieinander

Die Schneedecke ist im ganzen Land sehr variabel. Dies betrifft sowohl die Schneeoberfläche, den Aufbau und deren Verteilung. Dies hat mit dem sehr wechselhaften Wetter dieses Winters zu tun. Dies hat aktuell aber auch mit dem sehr unterschiedlichen Schneehöhenzuwachs und Windeinfluss im Land zu tun.


72h-Differenz der Schneehöhe
72h-Differenz der Schneehöhe



Windverteilung vom 22.01.2023 05:00 Uhr
Windverteilung vom 22.01.2023 05:00 Uhr



Eine der neuschneereichen Wetterstationsstandorte. Puitegg/Gehrenspitze in den Mieminger Bergen. Der Schneestandort Puitegg scheint windberuhigt gewesen zu sein. Am Windstandort Gehrenspitze wehte hingegen kräftiger Nordostwind.
Eine der neuschneereichen Wetterstationsstandorte. Puitegg/Gehrenspitze in den Mieminger Bergen. Der Schneestandort Puitegg scheint windberuhigt gewesen zu sein. Am Windstandort Gehrenspitze wehte hingegen kräftiger Nordostwind.



Teilweise griff der Wind auch bis in die Täler durch, wie hier in Virgen in Osttirol
Teilweise griff der Wind auch bis in die Täler durch, wie hier in Virgen in Osttirol



Auch interessant: Ca. 15mm Niederschlag während der vergangenen zwei Tage ergaben aufgrund der kalten Temperaturen knapp 50cm fluffigen Neuschnee. Station Wilde Krimml in der Region Westliche Kitzbüheler Alpen
Auch interessant: Ca. 15mm Niederschlag während der vergangenen zwei Tage ergaben aufgrund der kalten Temperaturen knapp 50cm fluffigen Neuschnee. Station Wilde Krimml in der Region Westliche Kitzbüheler Alpen


Frischen Triebschnee im Steilgelände konsequent ausweichen


Schärft aktuell die Sinne für die Erkennung frischer Triebschneepakete und weicht diesen im Steilgelände konsequent aus! Vermehrt findet man diese Gefahrenbereiche vom Waldgrenzbereich aufwärts. Allerdings, wie gerade hingewiesen -  hat der Wind teilweise bis in tiefe Lagen durchgegriffen. Gefahrenbereiche können also auch z.B. in tiefer gelegenen, steilen Waldlichtungen anzutreffen sein.



Windeinfluss im Waldgrenzbereich. Hahnenkamm bei Reutte (Foto: 21.01.2023)
Windeinfluss im Waldgrenzbereich. Hahnenkamm bei Reutte (Foto: 21.01.2023)



Hohe Störanfälligkeit der Schneedecke, dort wo kalter lockerer Pulverschnee von Triebschnee überlagert wurde. Bergeralm - Zentrale Stubaier Alpen (Foto: 21.01.2023)
Hohe Störanfälligkeit der Schneedecke, dort wo kalter lockerer Pulverschnee von Triebschnee überlagert wurde. Bergeralm - Zentrale Stubaier Alpen (Foto: 21.01.2023)



Windeinfluss auch in tiefen Lagen, wie hier im Gemeindegebiet von Matrei i.Osttirol (Foto: 21.01.2023)
Windeinfluss auch in tiefen Lagen, wie hier im Gemeindegebiet von Matrei i.Osttirol (Foto: 21.01.2023)


Altschneeproblem bleibt weiterhin aufrecht


Ergänzend zum vergangenen Blogeintrag.: Die durch den gebietsweise starken Windeinfluss entstandenen Triebschneepakete können mitunter ein Brett für jene Bereiche bilden, wo die Schneedecke bisher spannungsarm und locker aufgebaut war. Vermehrt betrifft dies schattiges Gelände von etwa 2000-2200m aufwärts. Auch im besonnten Gelände kann durch ein neues Brett die Störanfälligkeit kantiger Schwachschichten im Bereich von Krusten erhöht sein. Dies betrifft vermehrt Höhenbereiche von etwa 2300-2500m aufwärts. 


Auch genussreiche Pulverschneeabfahrten sind möglich


Sicher und gefährlich liegen eng beieinander. Hier hilft Erfahrung in der Beurteilung der Lawinengefahr, um diese Bereiche auseinanderzuhalten. Dann lassen sich natürlich auch genussreiche Pulverschneeabfahrten machen.



Unterwegs in den Westlichen Kitzbüheler Alpen (Foto: 21.01.2023)
Unterwegs in den Westlichen Kitzbüheler Alpen (Foto: 21.01.2023)

Freitag, 20. Januar 2023

Frischer Triebschnee lässt sich leicht durch Wintersportler stören. Stellenweise Altschneeproblem beginnend von etwa 2200m aufwärts beachten.

Hauptproblem frischer Triebschnee

Endlich ist es der Jahreszeit entsprechend wieder kälter geworden. Aktuell liegen wir im langjährigen Mittel der Lufttemperatur. Der Neuschnee der vergangenen Tage ist deshalb in windberuhigten Gebieten häufig locker. Dort, wo der Wind weht, kann der Neuschnee allerdings auch sehr leicht verfrachtet werden. Frischer Triebschnee lagert somit häufig auf kaltem, lockeren Neuschnee, einer recht bösartigen bzw. störanfälligen, allerdings nur wenige Tage aktiven Schwachschicht. Wintersportler können deshalb aktuell recht leicht meist kleine, mit zunehmender Seehöhe auch vermehrt mittelgroße Schneebrettlawinen auslösen. Vorsicht v.a. im kammnahen Gelände, hinter Geländekanten sowie in steilen Rinnen und Mulden. Bei starkem Windeinfluss sind auch spontane Lawinen denkbar. Davon ist aktuell vermehrt der Osten des Landes betroffen.


Speziell entlang des Alpenhauptkammes und in den typischen Föhnschneisen konnte man v.a. Anfang der Woche beeindruckende Schneefahnen beobachten. Stubaier Gletscher (Foto: 16.01.2023)
Speziell entlang des Alpenhauptkammes und in den typischen Föhnschneisen konnte man v.a. Anfang der Woche beeindruckende Schneefahnen beobachten. Stubaier Gletscher (Foto: 16.01.2023)



Speziell entlang des Alpenhauptkammes und in den typischen Föhnschneisen konnte man v.a. Anfang der Woche beeindruckende Schneefahnen beobachten. Stubaier Gletscher (Foto: 16.01.2023)
In den Föhnschneisen machte sich der Wind auch unterhalb der Waldgrenze bemerkbar. Westliche Tuxer Alpen. (Foto: 16.01.2023) 



Frischer, störanfälliger Triebschnee in den Kalkkögeln (Foto: 16.01.2023)
Frischer, störanfälliger Triebschnee in den Kalkkögeln (Foto: 16.01.2023)



Risse in der Schneedecke können auf ein mögliches Triebschneeproblem hinweisen. Geigenkamm. (Foto: 16.01.2023)
Risse in der Schneedecke können auf ein mögliches Triebschneeproblem hinweisen. Geigenkamm. (Foto: 16.01.2023)



Ab Sonntag, den 15.01., ist es zunehmend kälter geworden. Der Wind wehte aus unterschiedlichen Richtungen und war dabei meist stark.
Ab Sonntag, den 15.01., ist es zunehmend kälter geworden. Der Wind wehte aus unterschiedlichen Richtungen und war dabei meist stark.


Lawinenabgänge der vergangenen Woche

Am 12.01.2023 wurden uns noch Fernauslösungen von je einer kleinen und einer mittelgroßen Schneebrettawine im Westen des Landes in der Samnaungruppe gemeldet. Am Wochenende (14.01./15.01) gingen weitere Lawinen ab, denen ein Altschneeproblem zugrunde lag. Betroffen waren Höhenbereiche oberhalb etwa 2200m in allen Hangrichtungen. (Details sh. lawis.at) Während der vergangenen Tage waren es dann hauptsächlich frische Triebschneepakete, die von Wintersportlern gestört wurden. Vereinzelt beobachtete man noch Gleitschneerutsche auf Wiesenhängen, dies besonders während und nach Regeneinfluss am 14.01. und 15.01.


Fernauslösung in der Samnaungruppe. 2750m, W (Foto: 12.01.2023)
Fernauslösung in der Samnaungruppe. 2750m, W (Foto: 12.01.2023)



Eine Schneebrettlawine, die sich im kammnahen Gelände löste, als Skifahrer in den Hang einfuhren. Greitspitze, Samnaungruppe im Grenzgebiet Tirol/Schweiz. 2700m. SO (Foto: 14.01.2023)
Eine Schneebrettlawine, die sich im kammnahen Gelände löste, als Skifahrer in den Hang einfuhren. Greitspitze, Samnaungruppe im Grenzgebiet Tirol/Schweiz. 2700m. SO. Altschneeproblem (Foto: 14.01.2023)



Schneebrettlawine im Rettenbachtal aufgrund eines Altschneeproblems. SO. 2200m (Foto: 14.01.2023)
Schneebrettlawine im Rettenbachtal aufgrund eines Altschneeproblems. SO. 2200m (Foto: 14.01.2023)



Schneebrett im kammnahen Gelände nach Einfahrt von Skifahrern in den extrem steilen O-Hang auf 2800m. Altschneeproblem (Foto: 14.01.2023)
Schneebrett im kammnahen Gelände nach Einfahrt von Skifahrern in den extrem steilen O-Hang auf 2800m. Altschneeproblem (Foto: 14.01.2023)



Gleitschneerutsche im Außerfern (Foto: 14.01.2023)
Gleitschneerutsche im Außerfern (Foto: 14.01.2023)


Die Schneedecke

Viel wars nicht an Neuschnee, welcher diese Woche dazugekommen ist. Meist fielen 10-20cm, im Osten des Landes lokal auch mehr. Im Neuschnee war immer wieder auch Graupel eingelagert. Neben den bereits erwähnten oberflächennahen Problembereichen (lockerer Neuschnee als Schwachschicht für darüber gelagerten frischen Triebschnee), findet man in der Altschneedecke weiterhin mögliche Schwachschichten. Meist handelt es sich um kantige Kristalle im Bereich von dünnen Krusten oder aber um Schwimmschnee bzw. kantige Kristalle an der Basis. Bei Stabilitätstests überwiegen dort inzwischen unvollständige Brüche. Teilweise ist die gesamte Schneedecke nur locker aufgebaut, ohne dass ein Brett existiert. Dennoch, es gibt weiterhin auch störanfällige Bereiche. Vermehrt trifft man diese im bisher wenig verspurten Gelände an. Es sind v.a. Schattenhänge von etwa 2200m aufwärts sowie Sonnenhänge von etwa 2500m aufwärts davon betroffen. Übergänge von wenig zu viel Schnee gelten als Bereiche mit erhöhter Auslösewahrscheinlichkeit. Je steiler, desto eher lassen sich Schneebrettlawinen im Altschnee auslösen.



Ein oftmaliger Begleiter der vergangenen Schneefälle: Graupel. Venedigergruppe (Foto: 18.01.2023)
Ein oftmaliger Begleiter der vergangenen Schneefälle: Graupel. Venedigergruppe (Foto: 18.01.2023)



Schneeprofil in der Glockturmgruppe: N, 2480m, 26° vom 19.01.2023. Recht typisch: Schwache Basis, dennoch unvollständiger Bruch.
Schneeprofil in der Glockturmgruppe: N, 2480m, 26° vom 19.01.2023. Recht typisch: Schwache Basis, dennoch unvollständiger Bruch. 


48h-Schneedifferenz vom 17.01.2023
48h-Schneedifferenz vom 17.01.2023



48h-Schneedifferenz vom 19.01.2023
48h-Schneedifferenz vom 19.01.2023



Sehr speziell während dieses Winters: Häufig Regen bis in höhere Lagen. Hier am Beispiel der Arlbergregion.
Sehr speziell während dieses Winters: Häufig Regen bis in höhere Lagen. Hier am Beispiel der Arlbergregion.



Weiterhin messen wir bei allen Beobachterstationen eine unterdurchschnittliche Schneehöhe (obere Grafik). Mittlere Grafik: Gemessener Neuschnee. Die unterste Grafik zeigt die heurigen Temperatursprünge sowie die Abweichungen vom Mittel.
Weiterhin messen wir bei allen Beobachterstationen eine unterdurchschnittliche Schneehöhe (obere Grafik). Mittlere Grafik: Gemessener Neuschnee. Die unterste Grafik zeigt die heurigen Temperatursprünge sowie die Abweichungen vom Mittel.



Weiterhin erhöhte Spaltensturzgefahr auf den Gletschern. Venedigergruppe (Foto: 12.01.2023)
Weiterhin erhöhte Spaltensturzgefahr auf den Gletschern. Venedigergruppe (Foto: 12.01.2023)


Ausblick

Laut Geosphere Austria (vormals ZAMG) stehen wolkenreiche, windige und kalte Tage bevor. Am vorherrschenden Triebschneeproblem ändert sich nichts. Vorsicht: Von frischem Triebschnee überlagerter, kalter, lockerer Pulverschnee ist immer besonders störanfällig. Meidet deshalb konsequent frischen Triebschnee im Steilgelände.


Grober Wettereindruck für die kommenden Tage... Westliches Karwendel (Foto: 19.01.2023)
Grober Wettereindruck für die kommenden Tage... Westliches Karwendel (Foto: 19.01.2023)

Donnerstag, 12. Januar 2023

Abfolge von Warm- und Kaltfronten - sehr windig - Unverändert: Altschnee- und Triebschneeproblem

Sehr wechselhaft


Mit "sehr wechselhaft" lässt sich die aktuelle Wetter-, Schnee- und Lawinensituation wohl am besten beschreiben. Die vergangene Woche war geprägt von einer Abfolge von Warm- und Kaltfronten. Dabei schneite es immer wieder - am meisten in Summe im Westen des Landes sowie im nördlichen Osttirol. Maximal schneite es dort 50-75cm, meist waren es 30-50cm. Ständiger Begleiter war starker bis stürmischer Wind - anfangs aus südlicher, dann aus westlicher Richtung.

Der starke Wind verfrachtete in der Höhe einiges an Schnee. Entsprechend schaut auch das Gelände aus: Abgewehte Bereiche wechseln mit eingeblasenen Rinnen und Mulden. Der Gesamteindruck, dass vielerorts für die Jahreszeit zu wenig Schnee liegt, täuscht dabei nicht.


Sehr wechselhaft: Die Schneedecke


Eindruck aus dem Außerfern (Foto: 12.01.2023)
Stark windbeeinflusste Schneedecke in den Östlichen Lechtaler Alpen (Foto: 12.01.2023)


 
Ähnliches Bild von den Nördlichen Zillertaler Alpen (Foto: 11.01.2023)
Ähnliches Bild von den Nördlichen Zillertaler Alpen (Foto: 11.01.2023)



Sturm oberhalb der Waldgrenze. Venedigergruppe (Foto: 10.01.2023)
Sturm oberhalb der Waldgrenze. Venedigergruppe (Foto: 10.01.2023)



In den Kitzbüheler Alpen (Foto: 11.01.2023)
In den Kitzbüheler Alpen (Foto: 11.01.2023)




Wechtenbildung im Kammbereich. Samnaungruppe (Foto: 10.01.2023)
Wechtenbildung im Kammbereich. Samnaungruppe (Foto: 10.01.2023)



Sehr wechselhaft: Das Wetter


Galzig am Arlberg zählte zu einer der neuschneereichsten Stationen. Man erkennt neben dem markanten Schneehöhenanstieg vom 09.01. auf den 10.01. insbesondere auch das Auf und Ab bei den Temperaturen. Zudem gabs immer wieder etwas Niederschlag, teilweise als Regen auch bis zum Galzig hinauf.
Galzig am Arlberg zählte zu einer der neuschneereichsten Stationen. Man erkennt neben dem markanten Schneehöhenanstieg vom 09.01. auf den 10.01. insbesondere auch das Auf und Ab bei den Temperaturen. Zudem gabs immer wieder etwas Niederschlag, teilweise als Regen auch bis zum Galzig hinauf. 



72h Schneehöhendifferenz zwischen 09.01. und 12.01.2023
72h Schneehöhendifferenz zwischen 09.01. und 12.01.2023



Auf den Hohen Bergen wehte starker bis stürmischer Wind aus wechselnden Richtungen
Auf den Hohen Bergen wehte starker bis stürmischer Wind aus wechselnden Richtungen



Sehr wechselhaft: Die Schneedecke


Bei Stabilitätsuntersuchungen dominiert inzwischen eine Schneedecke mit mittlerer Stabilität. Allerdings häuften sich während der vergangenen Tage Rückmeldungen über Setzungsgeräusche und Rissbildungen insbesondere in einem Höhenband zwischen etwa 2000m und 2400m. Als Schwachschicht stellte man häufig dünne, lockere, meist kantige Schichten oberhalb bzw. unterhalb von oberflächennahen, dünnen Schmelzkrusten fest. Darüber lagerten Neu- und Triebschnee der vergangenen Tage. Ansonsten findet man bodennahe, lockere Schichten. Diese sind am ehesten in windgeschützten Kesseln großflächiger und zusammenhängend anzutreffen. Immer wieder wurde auch über Graupeleinlagerungen innerhalb des Neu- und Triebschneepakets berichtet.


Schneedeckenuntersuchungen am Stubaier Gletscher. Das wechselhafte Wetter spiegelt sich in der Schneedecke wieder. Eine Abfolge von härteren und weicheren Schichten, von Wind- und Schmelzkrusten, immer wieder Schichten aus aufbauend umgewandelten Kristallen. (Foto: 11.02.2023)
Schneedeckenuntersuchungen am Stubaier Gletscher. Das wechselhafte Wetter spiegelt sich in der Schneedecke wieder. Eine Abfolge von härteren und weicheren Schichten, von Wind- und Schmelzkrusten, immer wieder Schichten aus aufbauend umgewandelten Kristallen. (Foto: 11.01.2023)



Profil im Bereich der Jöchelspitze in den Allgäuer Alpen: Man erkennt den kürzlichen Neuschnee, darunter eine Abfolge von Krusten, härteren und weicheren Schichten (Foto: 11.01.2023)
Profil im Bereich der Jöchelspitze in den Allgäuer Alpen: Man erkennt den kürzlichen Neuschnee, darunter eine Abfolge von Krusten, härteren und weicheren Schichten (Foto: 11.01.2023)



Die Schneeoberfläche ist aktuell sehr unregelmäßig. Samnaungruppe (Foto: 10.01.2023)
Die Schneeoberfläche ist aktuell sehr unregelmäßig. Samnaungruppe (Foto: 10.01.2023)



Sehr wechselhaft: Das Lawinengeschehen


Während der vergangenen Woche beobachtete man sämtliche Lawinenarten, seien es Lockerschnee-, Gleitschnee- oder Schneebrettlawinen. In Summe war die Anzahl der Lawinenabgänge überschaubar. Die Lockerschnee- und Gleitschneelawinen lösten sich v.a. nach den Schneefällen vom 09.01. auf den 10.01., als sich das Wetter besserte und die Temperatur stieg. Schneebrettlawinen waren meist mittelgroß. Ein interessanter Lawinenabgang wurde uns von der Saumspitze im Arlberggebiet gemeldet. Dort löste sich am frühen Nachmittag des 06.01.2023  im hochalpinen, schattigen Gelände eine große Schneebrettlawine spontan. Am Vortag wurde dort durch starken Westwind noch viel Triebschnee abgelagert. Zum Zeitpunkt des Lawinenabgangs hatte der Wind deutlich abgenommen, die Temperatur war aber gestiegen.



Große spontane Schneebrettlawine unterhalb der Saumspitze (Foto: 06.01.2023)
Große spontane Schneebrettlawine unterhalb der Saumspitze (Foto: 06.01.2023)


Bei einem Lawinenabgang im Bereich der Stubaier Wildspitze am 10.01.2023 wurden 5 Personen von einer Schneebrettlawine verschüttet. Zwei Personen wurden dabei verletzt, eine Person war zudem unterkühlt. Die Erhebungen der Alpinpolizei ergaben, dass sich zum Unfallzeitpunkt 19 Personen im Bereich eines großen Windkolkes befanden, um dort Schneeunterkünfte zu graben. Dabei löste sich eine Schneebrettlawine mit einer Breite von ca. 30m und einer Länge von ca. 10m. Dank eines schnellen Rettungseinsatzes konnte Schlimmeres verhindert werden.






Schneebrettlawine Stubaier Wildspitze auf ca. 3150m. Die Kreise symbolisieren grob die Bereiche, wo die Schneeunterkünfte gegraben wurden. (Foto: 11.01.2023)
Schneebrettlawine Stubaier Wildspitze auf ca. 3150m. Die Kreise symbolisieren grob die Bereiche, wo die Schneeunterkünfte gegraben wurden. (Foto: 11.01.2023)

 
Unsere Schneedeckenuntersuchungen vor Ort ergaben ein interessantes Bild: Während der kürzlichen Schneefälle lagerten sich im Neu- und Triebschneepaket immer wieder Graupelkörner ab. Wir hatten es vor Ort mit insgesamt bis zu 3 solcher Graupelschichten zu tun. Mit hoher Wahrscheinlichkeit scheint eine dieser Graupelschichten die ursächliche Schwachschicht für den Lawinenabgang gewesen zu sein. Die Muldenform begünstigte auf alle Fälle die Ablagerung einer dickeren Graupelschicht  aufgrund des Herunterkollerns dieser Körner vom extrem steilen in den flacheren Bereich. Interessant war auch die Rückmeldung eines unserer Beobachter vor Ort. Bei 25 Lawinensprengungen im gesamten Gebiet hatten sie nur geringen Sprengerfolg.



Bei diesem Profil am oberen Anriss der Lawine fanden wir 2 dünne Schichten, in denen Graupelkörner eingelagert waren. Darunter eine ebenso sehr dünne Schicht oberhalb einer sehr dünnen Schmelzkruste. (Profil vom 11.01.2023)
Bei diesem Profil am oberen Anriss der Lawine fanden wir 2 dünne Schichten, in denen Graupelkörner eingelagert waren. Darunter eine ebenso sehr dünne Schicht oberhalb einer sehr dünnen Schmelzkruste. (Profil vom 11.01.2023)



Die kleine Ellipse im linken Bildbereich zeigt im Überblick die Unfallstelle (c) tiris
Die kleine Ellipse im linken Bildbereich zeigt im Überblick die Unfallstelle (c) tiris



Sehr wechselhaft: Gehts weiter...


So wie die Woche im Rückblick war, so gehts vorerst weiter: Sehr wechselhaft...