Samstag, 12. Dezember 2020

Frischer Triebschnee lagert gebietsweise auf Oberflächenreif - dadurch hohe Störanfälligkeit frischer Triebschneepakete!

Frischen Triebschneepaketen im Steilgelände konsequent ausweichen

Während einer klaren Nacht von Donnerstag, 10.12. auf Freitag, 11.12.2020, bildete sich in Tirol recht verbreitet an der Schneeoberfläche Oberflächenreif. Dieser lagert auf einer (zumindest in den schneereicheren Regionen) häufig bereits lockeren und kalten Schneeoberfläche. (Gegen Ende des letzten Schneefalls schlief der Wind nämlich ein.)


Die an der Oberfläche glänzenden Kristalle sind Oberflächenreif. Sobald von Triebschnee überlagert, bildet dieser eine sehr störanfällige Schwachschicht für Schneebrettlawinen, Osttiroler Tauern (Foto: LWD Tirol, 11.12.2020)  


Gestern am 11.12.2020 lebte dann v.a. in höheren Regionen entlang des Alpenhauptkammes sowie in typischen Föhnschneisen der Wind kräftig auf. Schneefahnen auf den Bergen zeugten von Verfrachtungen. Die dabei gebildeten Triebschneepakete sind generell sehr störanfällig! 


Schneefahnen am Hauptkamm (Foto: LWD Tirol, 11.12.2020)


Vorsicht also derzeit auf frische Triebschneepakete. Dort, wo der Wind weiterhin zu Verfrachtungen führt, sind auch kleine und mittelgroße spontane Lawinen vorstellbar. 

(Abseits des Windeinflusses hingegen kann man gerade in den schneereichen Regionen insbesondere in mittleren Höhenlagen weiterhin traumhaften Pulver genießen.)

Donnerstag, 10. Dezember 2020

Gleitschneelawinen in den neuschneereichen Regionen, gebietsweise Altschneeproblem

Gleitschneeproblem auf Wiesenhängen – Vorsicht vor Dachlawinen

Konzentrieren wir uns gleich auf die neuschneereichen Gebiete des Landes. Dort hat es – wie schon in vergangenen Blogeinträgen hingewiesen – seit Freitag, 04.12., Rekordmengen geschneit. 


Rekordmengen an Niederschlag in Lienz (Messreihe seit 1880)


Seit Gründung des Lawinenwarndienstes Tirol im Jahr 1960 wurden in Obertilliach um diese Jahreszeit noch nie solche Schneemengen gemessen.


Inzwischen beobachten wir eine gute Setzung der Schneedecke. Diese bedingt eine weitere Verdichtung der Schneedecke und eine Stabilisierung innerhalb des Schneepakets. Spontane Schneebrettlawinen sind dort deshalb fast ausgeschlossen.

Allerdings kann das gesamte Schneepaket auf steilem, glattem Untergrund abgleiten. Bevorzugt passiert dies auf Wiesenhängen. Ebenso beobachtet man es aber auf steilen Felsplatten oder z.B. auf glatten Hausdächern. (Also: Vorsicht auch vor Dachlawinen!).


Gleitschneelawinen im Defereggental (Foto: 09.12.2020)


Abgleiten von Schnee auf glatten Flächen, Matrei in Osttirol (Foto: 09.12.2020)


Ablagerung einer Dachlawine in St.Jakob i.Def. (Foto: 07.12.2020)


Eine der Grundvoraussetzungen dafür: Eine feuchte Schneedecke an der Basis. Regeneintrag am 05.12. und 06.12. bis häufig 1500m, gebietsweise auch darüber brachten viel Feuchtigkeit in die Schneedecke, was folglich den Gleitprozess und den Abgang von Gleitschneelawinen begünstigt. Förderlich für das Abgleiten der Schneedecke ist aber auch die Schneemasse: Je mächtiger die Schneedecke, desto größer ist deren schiebende Wirkung.

Heute am 10.12.2020 wurde beispielsweise eine Straße bei Leiten im südlichen Osttirol von einer Gleitschneelawine verschüttet. Eine sofort eingeleitete Suche ergab, dass keine Personen beteiligt waren. 


Gleitschneelawine  verschüttete Straße im Ortsteil Leiten im Südlichen Osttirol (Foto: 10.12.2020)



Profil orographisch links der Gleitschneelawine von Leiten. Die Schneedecke ist in Bodennähe (auch aufgrund des Regeneinflusses) feucht. Die Schneetemperatur beträgt 0°C - eine Voraussetzung für das Abgleiten des Schnees. Süd, 1450m (Profil vom 10.12.2020)


Das Problem bei den Gleitschneelawinen: Gleitschneelawinen können nicht gesprengt werden. Deren Abgangszeitpunkt ist nicht einschätzbar.

Einzige Abhilfe: Erhöhung der Bodenrauigkeit z.B. durch Verbauungen. Zusätzlich: Wenn immer möglich, sich nicht unterhalb von Rissen in der Schneedecke aufhalten.

Lawinenverbauungen unterbinden die Gleitbewegung, Defereggental (Foto: 07.12.2020)


Altschneeproblem weiter im Norden

Von einem Altschneeproblem sprechen wir, wenn innerhalb der Schneedecke Schwachschichten vorhanden sind, die über einen längeren Zeitpunkt störanfällig sind. Die Schwachschichten haben sich während der langen Schönwetterperiode im November gebildet und können v.a. in den niederschlagsärmeren Regionen mitunter recht leicht durch Wintersportler gestört werden. Beobachtete Wummgeräusche, aber auch einige Lawinenabgänge der vergangenen Tage bestätigen diese Situation. 

Spontaner Lawinenabgang Schindlergrat, Arlberggebiet. Schwachschicht bestand aus Oberflächenreif (Foto: 07.12.2020)


Lawinenabgang Warther Horn Grenznähe Tirol / Vorarlberg. Lawine wurde von Wintersportler ausgelöst. Teilverschüttung, unverletzt (Foto: 07.12.2020)



Lawinenabgang bodennah, Zusatzbelastung durch Triebschnee, Patscherkofel bei Innsbruck (Foto: 08.12.2020)


Profil vom Sechszeiger im Pitztal. Gut zu erkennen die Schwachschicht. Überlagerndes Trieb- und Neuschneepaket nicht allzu mächtig - deshalb hohe Störanfälligkeit durch Wintersportler; NO, 2330m


Aufpassen muss man dort, wo vor den letzten Schneefällen eine zusammenhängende Schneedecke vorhanden war: Bevorzugt betrifft dies schattiges Gelände ab etwa 2000m und besonntes Gelände beginnend von etwa 2500m aufwärts (südseitig tendenziell höher).

Vereinzelt können auch in den schneereichen Regionen (insbesondere in jenen entlang des Alpenhauptkammes) aufgrund des Altschneeproblems große bis sehr große Lawinen ausgelöst werden. Dies ist aber nur durch große Belastung an schneearmen Stellen denkbar. Es handelt sich dabei um eine Situation, die von Tag zu Tag immer unwahrscheinlicher wird, bei der allerdings die Konsequenzen aufgrund der Lawinengröße gravierend sein können.  „(very) low probability, (very) high consequence“. Bestätigt wird dies derzeit durch z.T. gute Sprengerfolge oder auch einen dokumentierten Lawinenabgang, ausgelöst durch die Zusatzbelastung eines Pistengerätes. (ohne Konsequenzen).


Auch hier erkennt man bei dem auf 2820m in einem NO-Hang in der Weißkugelgruppe aufgenommenen Profil eine Schwachschicht aus Schwimmschnee. Beim Belastungstest konnte nur in einer oberflächennahen Schicht ein Teilbruch erzeugt werden. Potential für einen Bruch in der bodennahen Schwachschicht (und in Folge für einen sehr großen Lawinenabgang) ist dennoch gegeben.

Spannend auch die Analyse mittels eines Schneedeckensimulationsprogrammes, bei dem die Störanfälligkeit durch Skifahrer in einem fiktiven 38° steilen Hang berechnet wird: Das Ergebnis: Derzeit noch hohe Störanfälligkeit mit leicht abnehmender Tendenz.


Schneedeckensimulation Station Rotwandwiesen, Alpenhauptkamm, Südtirol, Der Pfeil zeigt auf die aufbauend umgewandelte Schwachschicht: rot: gute Bruchfortpflanzung orange: langsam abnehmend


Kurzfristig Gefahr durch Lockerschneelawinen

In den besonders neuschneereichen Regionen beobachtete man während der vergangenen Tage zum Teil auch etwas größere Lockerschneelawinen aus extrem steilem Gelände. Ausgelöst wurden diese insbesondere durch externe Impulse (wie z.B. von Bäumen herabfallendem Schnee). Diese Gefährdung nimmt mit fortschreitender Setzung nun rasch ab.


Ablagerung einer Lockerschneelawine Zirmbachalm (Foto: 08.12.2020)


Weitere Impressionen der vergangenen Woche

Mühsames Abschaufeln von Hausdächern, St. Sigmund im Sellrain (Foto: 06.12.2020)



Eingeschneites Auto oberhalb von Lienz (Foto. 07.12.2020)


Lawinenabgang über Galerie Felbertauern (Foto: 09.12.2020)


Leidtragende: Wildtiere, St. Sigmund (Foto: 08.12.2020)

Reh wurde aus tiefem Schnee befreit und wird nun zur Wildfütterung gebracht, St. Sigmund (Foto: 08.12.2020)


Neuerlich (nach 2018 und 2019): Zahlreiche umgestürzte Bäume in Osttirol (Foto: 09.12.2020)

Montag, 7. Dezember 2020

Wintersportler aufgepasst - Altschneeproblem in den vergleichsweise neuschneeärmeren Regionen!

Vorab ein kurzer Appell an alle Wintersportler


Ganz bewusst möchten wir den Fokus zu Beginn dieses Blogeintrags auf die neuschneeärmeren Regionen Nordtirols richten. Dort sollten Wintersportler nämlich auf ein mögliches, schwierig einzuschätzendes Altschneeproblem achten. Das Altschneeproblem ist überall dort vorhanden, wo vor den vergangenen Schneefällen bereits Schnee gelegen ist. Betroffen ist bevorzugt Steilgelände im Sektor WNW über N bis ONO oberhalb der Waldgrenze, in großen Höhen (meist zwischen etwa 2500m und 2800m aufwärts) dann vermehrt auch Gelände der übrigen Hangausrichtungen. Wumm-Geräusche beim Betreten der Schneedecke weisen derzeit eindrucksvoll und unmissverständlich auf diese Problem hin. Auch Fernauslösungen aus flachem Gelände sind prinzipiell denkbar.

In den besonders neuschneereichen Regionen hingegen erscheint eine Störung dieser Schwachschichten aufgrund der dicken Schneeauflage inzwischen als eher unwahrscheinlich. Vorstellbar ist dies derzeit nur mehr an windbeeinflussten, schneearmen Stellen.

Ebenso zu bedenken: Skigebiete sind aktuell nicht in Betrieb und deshalb Pisten als freies Skigelände zu betrachten.

Schneereichtum im Süden


Extrem außergewöhnliche Tage liegen hinter uns. Soviel Niederschlag hat es in einigen Orten Tirols seit Messbeginn in so kurzer Zeit noch nie gegeben. Neuerlich kommt zwischen 08.12. und 09.12. im Süden Schnee dazu. Laut ZAMG-Wetterdienststelle sollen es meist zwischen etwa 40cm und 80cm mit abnehmender Tendenz Richtung Norden sein.


Rekordhalter der Niederschlagssummen in Osttirol: Porzehütte am Karnischen Kamm


Prognostizierter Neuschneezuwachs vom 08.12. auf den 09.12.2020


Die Kombination aus neuerlichem Schneezuwachs im Süden samt stärkerem Südostwind wird primär zu einem oberflächennahen, jedoch durchwegs ernst zu nehmenden Triebschneeproblem führen. Ein Bruch in lockeren Altschneeschichten aufgrund der weiteren Zusatzbelastung ist aufgrund der bereits guten Setzung und Stabilisierung des sehr mächtigen Neuschneepakets hingegen eher unwahrscheinlich.


Impressionen zur aktuellen Situation

Gleitschneelawinen


Zunehmende Gleitschneeaktivität auf steilen Wiesenhängen. (Anfangs verzögerte der gefrorene Boden zum Zeitpunkt des Einschneiens das Auftreten von Gleitschneelawinen. Regeneinfluss vom 05.12. auf den 06.12. begünstigte hingegen wieder das Abgleiten der Schneemassen.)

 
Sehr viel Schnee nicht nur in Osttirol, sondern auch in den Südlichen Ötztaler Alpen (Foto: 07.12.2020 von Peter Raich)


Der stürmische Wind hinterließ seine Spuren. Defereggental (Foto: 07.02.2020)


Beschädigte Stromleitungen werden unter, teils widrigen Bedingungen repariert. Defereggental  (Foto: 07.12.2020)


Den nächsten Blogeintrag gibts spätestens am Donnerstag, 10.12.2020.

Sonntag, 6. Dezember 2020

Sehr große Lawinengefahr in Osttirol

In Osttirol hat sich inzwischen aufgrund der außergewöhnlichen Neuschneemengen samt Windeinfluss und Regen eine gefährliche Lawinensituation ausgebildet. Inzwischen wurde von uns dort die höchste Gefahrenstufe, also sehr große Lawinengefahr ausgegeben.


Update vom 06.12.2020 08:00 Uhr: In der EUREGIO herrscht regionsweise sehr große Lawinengefahr


Auf den Bergen hat es dort verbreitet zwischen 150cm und 200cm geschneit - ganz im Süden waren es bis zu 250cm! Heute am 06.12. kommt neuerlich eine gewitterartige Niederschlagsstaffel aus Süden daher. Die ZAMG-Wetterdienststelle rechnet in Osttirol mit weiteren 100-120cm Neuschnee, welcher bei sehr hoher Intensität fallen wird. (Laut ZAMG-Wetterdienststelle werden die Niederschlagssummen dieses Ereignisses u.a. in Lienz einen Rekordwert darstellen. In der seit 1880 bestehenden Messreihe wird der im November 1966 gemessene, bisherige Maximalwert von 245mm auf alle Fälle überschritten werden!)


Auf der Karte erkennt man die Niederschlagsverteilung in Tirol. Je weiter südlich, desto intensiver waren die Niederschläge. Rechts: Spitzenreiter bei den Niederschlagssummen war das südliche Osttirol. (Porzehütte)


Schadlawinen

Im Virgental löste sich gestern abends, 05.12. nördlich von Hinterbichl eine Lawine, die ein Wirtschaftsgebäude sowie ein Haus erreichte und Sachschäden nach sich zog. Heute am 06.12. erreichte uns eine Meldung über eine Schadlawine im Defereggental, wo ebenso Häuser betroffen waren. Personen kamen nicht zu Schaden. Nähere Infos dazu hier: 

Vermutlich gibt es weitere Schäden aufgrund von Lawinenabgängen. Die schlechten Sichtverhältnisse und die umfangreichen Sperren lassen derzeit allerdings kein umfassendes Bild zu. 

Extrem große Lawinen v.a. aus sehr hoch gelegenen Einzugsgebieten

Am meisten Sorge bereiten uns derzeit sehr hohe Einzugsgebiete, wo vor den Schneefällen bereits eine mehr oder weniger zusammenhängende Schneedecke vorhanden war. Dort können nämlich durch die weitere Zusatzbelastung des prognostizierten Neuschnees Brüche im Altschnee entstehen und dadurch die gesamte Schneedecke als Schneebrettlawine abgehen. Besonders betroffen davon ist schattiges Steilgelände oberhalb etwa 2400m sowie sonniges Steilgelände oberhalb etwa 3000m. 

Aber auch in tieferen Gebieten (typischerweise jedoch oberhalb der Waldgrenze) können weiterhin Schneebrettlawinen von selbst abgehen. Dies hat v.a. mit den vorhergesagten gewitterartigen Niederschlägen zu tun, während derer sich z.B. Graupelschichten einlagern und eine mögliche Schwachschicht bilden können. Ebenso bewirkt der gerade eingetretene leichte Temperaturrückgang, dass der gefallene Schnee wieder lockerer wird. Somit kommt auch dieser (speziell bei sich ändernden Windverhältnissen) als mögliche Schwachschicht für Schneebrettlawinen in Betracht.

Kurz: Bei einem komplexen Zusammenspiel aus verschiedensten, nicht 100% abschätzbaren Einflussparametern gibt es Potential für weitere, auch schadenbringende Schneebrettlawinen. Deren Auslösebereitschaft wird ab den Abendstunden mit Abklingen der Niederschläge, langsam sinkenden Temperaturen und nachlassendem Wind rasch abnehmen. 

Gleitschneelawinen

Aktuell ein großes Thema auf Grashängen unterhalb etwa 2600m sind zudem Gleitschneelawinen. Einige unserer Beobachter berichteten bereits über entsprechende Abgänge sowie Risse in der Schneedecke und Gleitschneemäuler, welche mögliche Lawinenabgänge ankündigen.

Situation in den Regionen entlang des Alpenhauptkammes

Auch in den Zentralalpen ist die Situation derzeit angespannt. Dort kommen laut ZAMG-Wetterdienststelle heute am 06.12. nochmals 40-70cm Schnee zusammen. Die Gefahr wurde dort als groß eingestuft. Weitere Infos dazu im heutigen Lawinenreport. 

Wie geht es weiter?

Während der kommenden Tage werden Gleitschneelawinen abgehen, vermehrt in den neuschneereichen und regenbeeinflussten Gebieten. Erfahrungsgemäß nimmt deren Anzahl dann von Tag zu Tag stetig ab. Deren Abgangszeitpunkt bleibt allerdings unberechenbar.

Abgesehen vom Gleitschneeproblem wird die Lawinengefahr allgemein rasch zurückgehen. Man wird sich dann v.a. auf oberflächennahe Lawinenprobleme konzentrieren müssen, die verhältnismäßig leicht einzuschätzen sein werden. Im niederschlagsärmeren Norden des Landes bleibt hingegen vorerst ein Altschneeproblem im Nordsektor oberhalb der Waldgrenze aufrecht.

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Die Kombination aus sehr viel Neuschnee und Sturm lassen die Lawinengefahr im Süden des Landes ab 05.12.2020 auf groß ansteigen

Sehr große Neuschneemengen, Sturm und variierende Schneefallgrenze

Die bisherigen Vorhersagen der ZAMG-Wetterdienststelle bestätigen sich: Im Süden des Landes wird es intensiv schneien. In Osttirol geht man derzeit in Tallagen verbreitet von 50cm (bei bedeutsamen Regenanteil), ansonsten typischerweise um 100 cm aus. Im Oberen Gailtal/Lesachtal sind laut Modellen 100-150 cm, auf den Bergen 150-200cm, in den Karnischen Alpen auch bis 250cm Neuschnee zu erwarten. In den Regionen entlang des Alpenhauptkammes sollen in Tallagen ca. 60cm Schnee, auf den Bergen 100-150cm (Bereich Timmelsjoch bis 200cm) fallen.

 

72h-Neuschneeprognose Donnerstag, 03.12. 07:00 bis Sonntag, 06.12. 07:00 Uhr

 

Zudem wird es auf den Bergen stürmisch.

 

Windprognose für Freitag, 04.12.2020 22:00 Uhr. Der Wind weht aus südlicher Richtung

 

Verschärfend dazu kommt noch, dass die Schneefallgrenze in kurzer Zeit stark variieren kann. Dies hängt mit der Luftschichtung zusammen, die über eine große Höhendifferenz nahe um die 0°C Temperatur hat.

 

Niederschlags- und Windprognose für das südliche Osttirol. Außergewöhnlich sind die sehr hohen Intensitäten über einen längeren Zeitraum. Dort, wo es durchgehend intensiven Niederschlag gibt, ist die Wahrscheinlichkeit von Schneefall bis in Tallagen deutlich höher als bei niederer Intensität. (Regengrenze laut ZAMG-Wetterdienststelle dann um 1500m und ev. darüber möglich.)


Aktuelle Schneedecken-Analyse

Wichtig erscheint vor solchen Ereignissen immer eine möglichst exakte Analyse des Schneedeckenaufbaus sowie ein Rückblick auf das kürzliche Wettergeschehen:

Nach dem letzten markanten Schneefall mit der Kaltfront vom Donnerstag, 19.11.2020 auf Freitag, 20.11.2020 herrschte meist mildes, trockenes und sonniges Bergwetter. Letzten Sonntag, 29.11. drang dann kalte, feuchte Luft in tiefen Lagen ein. Dadurch bildete sich in weiten Teilen Tirols kurzfristig Hochnebel. Darüber blieb es wolkenlos. Zwischen Dienstag, 1.12. und heute Donnerstag, 03.12. schneite es in Tirol verbreitet 5-20cm mit Schwerpunkt in den südlichen Regionen. Dieser Neuschnee liegt schattseitig oberhalb der Waldgrenze meist auf einer bereits mehr oder weniger zusammenhängenden Schneedecke. In besonnten Hängen fiel dieser bis in größere Höhen (meist um 2500m) häufig auf aperen Boden.

Impressionen zur höhen- und expositionsabhgängigen Schneeverteilung


Blick von der Adlersruhe Richtung Süden. Das Bild stammt vom vergangenen Sonntag, 29.11. In den Tallagen erkennt man den oben beschriebenen Nebel.

 

Bezeichnend: Südseitig aper, schattseitig Altschnee, Hochtennscharte (Foto: 30.11.2020)

 

Schneebedeckung schattseitig im Defereggental (Foto: 01.12.2020)

 

Hier ein Bild vom südlichen Osttirol. Oberhalb der Waldgrenze liegt eine zusammenhängende Schneedecke (Foto: 01.12.2020)


 Neuschnee fällt zumindest schattseitig oberhalb der Waldgrenze auf eine meist ungünstig aufgebaute Altschneedecke

 

Unsere Schneedeckenuntersuchungen, aber auch unsere Modellanalysen zeigen eines ganz deutlich: Aufgrund des unbeständigen Oktobers und des schönen, trockenen Novembers bildeten sich innerhalb der Schneedecke viele Krusten, die sich häufig mit weicheren Schichten abwechseln. Dies trifft v.a. für schattiges Gelände oberhalb der Waldgrenze, hochalpin (also oberhalb etwa 3000m) zum Teil auch für besonntes Gelände zu. Schauen wir uns dazu einige Profile im Detail an:


Abfolge von Krusten und weicheren Schichten ("Krusten-Sandwich"), Gurgler Gruppe (Südliche Ötztaler Alpen), 2670m, NW, 30°, Aufnahmedatum: 27.11.2020 (c) LWD Tirol


Kürzlicher Neuschnee, danach Abfolge von Krusten und aufbauend umgewandelten Kristallen, Pitztaler Gletscher (Weißkugelgruppe), 2840m, N, 32°, Aufnahmedatum: 03.02.2020 (c) Markus Kogler


Ein Bruch konnte hier hochalpin, südseitig unterhalb einer dünnen Kruste initialisiert werden, Tiefenbachferner (Weißkugelgruppe), 3270m, S, 30°, Aufnahmedatum: 24.11.2020. (c) LWD Tirol


Interessant an diesem im flachen, eher kammnahen Gelände aufgenommenen Profil sind die dünnen Schichten eingeschneiten Oberflächenreifs, die sich durch den Nigg-Effekt gebildet haben, Wurmkogel (Gurgler Gruppe), 2920m, Aufnahmedatum: 27.11.2020 (c) LWD Tirol


Stabiler Unterbau, für Neu- und Triebschnee störanfälliger Oberbau der Schneedecke. Profil in Grenznähe zu Tirol in den Allgäuer Alpen (Ifen, Hahnenköpfle), 2100m, NO, 24°, Aufnahmedatum: 03.12.2020 (c) LK Kleinwalsertal


Schneedeckensimulation mit Hilfe der Daten der Wetterstation Eselrücken im Virgental. Links: Schneehöhenverlauf samt Schichtung. Der Schneehöhenanstieg ab 03.12. 19:00 Uhr stellt eine Prognose des Schneedeckenaufbaus für die kommenden Tage dar. Rechts: Aktuelle Simulation für 03.12.2020 19:00 Uhr. Diese zeigt den Schneedeckenaufbau für einen 38° steilen Nordhang. Gut zu erkennen ist wiederum die Abfolge von ausgeprägten Krusten und lockeren Schichten.


Typisch für die aktuelle Situation: Schneeoberfläche locker, dann folgt eine Kruste, darunter wieder locker, dann wieder Kruste... An diesem Foto vom 27.11. fehlt noch der kürzlich gefallene, lockere Pulverschnee (Foto: 27.11.2020)


Bild aus dem südlichen Osttirol vom 02.12.2020 auf 1500m. Aufbauend umgewandelte Schneedecke


Auswirkungen auf die Lawinengefahr

Eines ist fix: Die Lawinengefahr wird mit der Intensivierung der Niederschläge samt Wind und langsam ansteigenden Temperaturen rasch und markant ansteigen! Der umfangreich gebildete Triebschee wird sich zumindest schattseitig oberhalb der Waldgrenze nur schlecht mit der lockeren Schneeoberfläche verbinden. Zudem nimmt die Belastung der Schneedecke im Laufe der Schneefälle stetig zu, sodass Brüche innerhalb der Altschneedecke immer wahrscheinlicher werden.

Gehen wir von den vorhergesagten Neuschneemengen aus, so wird die Größe der Lawinen im Laufe der Schneefälle auch stetig zunehmen. Wir rechnen ab Samstag mit größeren spontanen Schneebrettlawinen. Vermehrt betroffen ist eindeutig schattiges Gelände. In den besonders niederschlagsreichen Regionen sind auch Szenarien vorstellbar, dass sich während der Schneefälle (v.a. durch sich ändernden Windeinfluss bzw. durch die Einlagerung von Graupel) eventuell Schwachschichten bilden, die Schneebrettlawinen auch in anderen Expositionen möglich erscheinen lassen.

Dazu kommt noch die Gefährdung durch Gleitschneelawinen auf Wiesenhängen. Deren Abgangswahrscheinlichkeit wird durch eventuellen Regeneinfluss begünstigt.

Auch nicht zu unterschätzen: Die Gefahr umstürzender Bäume aufgrund der Schneeauflast.

Weiter im Norden, dort wo es weniger schneien wird, gilt zumindest für Wintersportler, dass Triebschneeansammlungen im schattigen Gelände oberhalb der Waldgrenze sehr leicht zu stören sein werden. Außerdem können auch dort Schneebretter von selbst abgehen. Diese werden allerdings eher nur mittelgroß werden.


Ruhe vor dem Sturm: Beginnender Föhneinfluss am Alpenhauptkamm. Südliche Ötztaler Alpen (Foto: 03.12.2020)