Mittwoch, 8. Februar 2017

Tödliches Lawinenunglück unterhalb des Mittagskogels in den Südlichen Ötztaler Alpen

Eine Gruppe von Snowboardern stieg um die Mittagszeit vom Skigebiet des Pitztaler Gletschers in Richtung des 3159m hohen Mittagskogels auf. Im Nahbereich des Gipfels löste einer der Snowboarder während der Abfahrt eine Schneebrettlawine aus. Die Person wurde über felsdurchsetztes Gelände mitgerissen und verstarb an der Unfallstelle.

Wir sind morgen am 09.02. am Unfallort. Nähere Details folgen.

Die rote Ellipse zeigt in etwa den Unfallort.Rechts daneben befindet sich der Gipfel des Mittagskogels.

Freitag, 3. Februar 2017

Gefährlicher Triebschnee beginnend von etwa 2200m aufwärts und meist schlechte Schneequalität

Seit Ende letzter Woche (30.01.) dominiert wechselhaftes Wetter mit Regen, Schnee, starkem Wind, kurzen Auflockerungen und relativ warmen Temperaturen.

Die Hauptniederschlagsgebiete zwischen dem 30.01. abends und 01.02. waren der Westen und Osten Nordtirols (Im Osten zeigen die Stationen weniger Schnee an, weil diese mehr durch Regen beeinflusst waren).

An der Wetterstation Rosskar in den Südlichen Ötztaler Alpen erkennt man das Ende des Hochdruckeinflusses am 30.01. samt dem nachfolgenden wechselhaften Wetter und zunehmendem Windeinfluss

Dort, wo es mehr schneite, konnte man durch den Föhneinfluss beeindruckende Schneefahnen beobachten.

Schneefahnen – Blick von Fiss in Richtung Süden (Foto: 03.02.2017)

Dominant: Kräftiger Wind auf den Bergen

Die Zusatzbelastung dieses Triebschnees führte – teilweise gepaart mit dem Temperaturanstieg – speziell in den neuschneereicheren Gebieten auch zu spontanen Lawinenabgängen. Meist lösten sich die Lawinen schattseitig von etwa 2000m aufwärts, in Ost- und Westhängen oberhalb etwa 2300m, vermehrt jedoch oberhalb etwa 2500m. Die Lawinen erreichten im schneereicheren Westen zum Teil auch mittlere Größe.

Durch den Föhneinfluss vom 02.02. spontan abgegangene Schneebrettlawinen mit geringer Anrissmächtigkeit nördlich des Skigebietes Fendels in der Region der Südlichen Ötztaler Alpen (Foto: 03.02.2017)

Teilweise hatten Wintersportler auch großes Glück, dass nichts passierte:

Unterhalb des Festkogels in den Südlichen Ötztaler Alpen löste ein Variantenfahrer im sehr steilen N-seitigen Gelände auf einer Seehöhe von etwa 2800m eine Schneebrettlawine aus. Die betroffene Person wurde gegen eine Lawinenverbauung gedrückt, blieb jedoch unverletzt. Die weiter oben dargestellten Wetterstationsdaten wurden im unmittelbaren Nahbereich gemessen. (Foto: 02.02.2017)

Ein Wintersportler löste in der Nähe der Bergstation der Karlesjochbahn am Kaunertaler Gletscher ein Schneebrett aus. Er wurde nicht verschüttet. Die Lawine löste sich in einem NO-Hang auf etwa 3000m im kammnahen Gelände (Foto: 02.02.2017)

Die Hauptgefahr geht auch am kommenden Wochenende von diesen Triebschneeansammlungen aus. Besonders gefährlich ist es derzeit in Schattenhängen oberhalb etwa 2200m. Darunter führten die warmen Temperaturen inzwischen zu einer fortschreitenden Anfeuchtung der Schneedecke, was die Störanfälligkeit verringerte. Als primäre Schwachschicht kommt die lockere, aufbauend umgewandelte Schneeoberfläche in Frage, die sich in Nordhängen während des kalten Schönwetters ausgebildet hat. Zusätzlich findet man noch weitere kantige (meist bodennahe) Schwachschichten. Dies trifft v.a. oberhalb etwa 2300m aufwärts im Sektor W über N bis O zu. Im Sektor Süd findet man eine derzeit ev. bedeutsame Schwachschicht in einem eng begrenzten Höhenband um etwa 2500m im Mittelteil der Schneedecke.
 
Ein Stabilitätstest nördlich des Hafelekars in den Westlichen Nordalpen auf knapp 2300m zeigt eine sehr schlechte Verbindung zwischen Triebschnee und der während des langen Schönwetters gebildeten, lockeren, kantigen Schicht (die sich in diesem Fall unterhalb eines dünnen Winddeckels befindet). Bodennahe Schwachschichten vom Frühwinter waren an diesem Standort hingegen recht gut verbunden.

Deutlich gebessert hat sich inzwischen die Nassschneesituation, die während des Regens Anfang der Woche am ungünstigsten war.

Eine Nassschneelawine hinter einem Auffangnetz in Reute (Foto: 02.02.2017)

Gleitschneerutsch in den Zillertaler Alpen (Foto: 01.02.2017)

Lockerschneelawinen im Urgtal (Foto: 02.02.2017)

Die Schneequalität hat seit 31.01. deutlich gelitten: Die Schneedecke ist in tiefen Lagen feucht, in mittleren Lagen gibt es häufig Bruchharsch, in hohen Lagen ist die Schneedecke massiv vom Wind geprägt.

Meist hält sich der Abfahrtsspaß in Grenzen, wie hier bei der Abfahrt von der Wankspitze in den Westlichen Nordalpen (Foto: 03.02.2017)

Es geht föhnig mit etwas Niederschlag und viel Wind weiter. An der für den Wintersportler zum Teil ungünstigen Situation ändert sich somit vorerst nichts.

Wer am Wochenende außerhalb des gesicherten Geländes unterwegs ist, der sollte spätestens oberhalb etwa 2200m besonders vorsichtig unterwegs sein und generell über gutes lawinenkundliches Wissen verfügen. Kürzlich gebildete Triebschneeansammlungen sollten dabei konsequent gemieden werden. Dies gilt in ganz besonderer Weise für steile (kammnahe) Schattenhänge!

Dienstag, 31. Januar 2017

Regen, Schnee und Wind lassen die Lawinengefahr ansteigen

Das lang anhaltende, kalte Schönwetter ist zu Ende. Seit gestern, dem 30.01. hat es in Tirol (mit Unterbrechung) bis maximal 2000m hinauf zu regnen begonnen. Der Regen fällt auf eine für die Jahreszeit häufig unterdurchschnittlich mächtige Schneedecke.

Schneehöhe unserer Beobachterstation Kühtai in den Nördlichen Stubaier Alpen. Die dicke, farbige Linie zeigt die aktuelle Schneehöhe, die dünne, farbige Linie den bisherigen Mittelwert. Die grauen Umrandungen geben die seit 1990 gemessenen Minima und Maxima an.

Bei Skitouren heißt es häufig auch noch auf Steine, mitunter auch noch auf Eisgallen aufzupassen. Am Weg zu Rostizkogel in den Südlichen Ötztaler Alpen (Foto: 28.01.2017).

Regen hat häufig negative Auswirkungen: einerseits nimmt die Belastung auf die Schneedecke zu, andererseits verliert diese an Festigkeit. Da die Schneedecke in den vom Regen beeinflussten Gebieten keine Schwachschichten aufweist, tritt der Festigkeitsverlust in den Vordergrund. Konkret: Dort, wo etwas mehr Schnee liegt und es intensiver regnen wird – das trifft v.a. für den (Nord-)Westen Tirols zu – können aus extrem steilem Gelände kleine Nassschneerutsche abgehen. Ebenso nimmt durch den Regen die Wahrscheinlichkeit von Gleitschneelawinen bzw. –rutschen zu. Letzteres ist auf steilen Wiesenhängen zu beachten.

Durchnässung der Schneedecke führt zu einem Festigkeitsverlust. Am Foto erfolgte dies allerdings nicht durch Regen, sondern durch Wärme- und Strahlungseinfluss – Außerfern (Foto: 27.01.)

Der Regen und die während der kommenden Tage steigenden Temperaturen haben allerdings auch einen positiven Einfluss. Der in den Kaltluftseen großflächig gebildete Oberflächenreif wird zerstört. Schade um die schönen Winterbilder, aber gut, dass dieser nicht eingeschneit wurde: Denn: Eingeschneiter Oberflächenreif hätte eine sehr gefährliche Schwachschicht gebildet.

Handtellergroße Oberflächenreifkristalle halten dem Regen und dem bevorstehenden, warmen Wetter nicht stand. Wilder Kaiser (Foto: 28.01.2017)

Betrachten wir die Situation oberhalb der Regengrenze: Dort entwickelt sich durch Schneefall und Wind ein sehr ernst zu nehmendes Triebschneeproblem, das länger andauern kann und somit zu einem weiteren Altschneeproblem wird. Dies gilt für windberuhigte Bereiche, dort wo etwas mehr Schnee dazukommt. Die Erklärung: Durch die lange, kalte Wetterperiode hat sich an der Schneeoberfläche lockerer, aufbauend umgewandelter Schnee gebildet. Frischer Triebschnee verbindet sich damit nur sehr schlecht. Die Folge sind (aufgrund der zu erwartenden Schneemenge) eher kleine Schneebrettlawinen, die allerdings sehr leicht von Wintersportlern ausgelöst werden können. Dort, wo es etwas mehr schneit und weht, sind auch spontane Schneebretter zu erwarten. Dies wird wiederum v.a. für den Westen Nordtirols der Fall sein.

Im schattigen Gelände besteht die Schneeoberfläche aus lockeren Kristallen. Wenn sich darauf frischer Triebschnee ablagert, wird es gefährlich. Am Bild erkennt man Schneebrettlawinen, die von einer abfahrenden Person im Navistal in den Tuxer Alpen im Bereich einer bodennahen Schwachschicht ausgelöst wurden.  (Foto: 28.01.2017)

Interessant erscheint auch noch ein Blick auf die vorläufige Monatsbilanz der ZAMG: Laut ZAMG war der Jänner 2017 ungewöhnlich kalt, vielfach sonnig und in vielen Regionen trocken. Außergewöhnlich trocken war es u.a. im südlichen Osttirol. Im Verhältnis begünstigt war der Nordwesten und Osten Nordtirols.

Monatsgrafik der Station Puitegg in den Westlichen Nordalpen: Der Jänner 2017 war sehr kalt und meist schön. In den Westlichen Nordalpen hat es im Verhältnis recht viel geschneit.

Freitag, 27. Januar 2017

Föhn bildet frische Triebschneepakete – Altschneeproblem ist noch nicht gebannt.

Wie schon im vorigen Blogeintrag geschrieben, hat sich die Lawinensituation zunehmend entspannt. Der Hauptgrund war das schöne, kalte Winterwetter, das Umwandlungsprozesse innerhalb der Schneedecke förderte und Spannungen abbaute. So änderte sich einerseits die Eigenschaft des Brettes (das immer lockerer wurde), aber auch die Eigenschaft der bodennahen Schneestruktur (wo Schwachschichten teilweise zu sintern begannen). Föhneinfluss  auf den Bergen führt nun wieder zu einer Verschlechterung der Situation.

Blick Richtung Glungezer in den Tuxer Alpen. Der Föhn beginnt in der Höhe Schnee zu verfrachten. Es bilden sich neue, störanfällige Triebschneepakete (Foto: 27.01.2017)

Rückblick auf die vergangene Woche: Schon am 22.01. sowie neuerlich seit gestern, dem 26.01. machte sich insbesondere in den typischen Föhnschneisen bzw. in den Regionen entlang des Alpenhauptkammes Windeinfluss vermehrt bemerkbar. Zusätzlich zu erkennen: strahlender Sonnenschein. kalt, trockene Luftmasse

Gut zu erkennen: Zunehmender Föhneinfluss

Dieser Triebschnee lagert schattseitig entweder auf Windkrusten ober aber auf einer locker aufgebauten Schneeoberfläche. Letzteres ist problematisch.

Schattseitiger Pulverschnee hat sich während der kalten Schönwetterperiode umgewandelt. Der Schnee ist dort, wo der Wind nicht im Spiel war, immer noch sehr locker. Man findet jedoch anstelle von Neuschneekristallen häufig kantige, lockere, bzw. filzige Kristallformen. Kitzbüheler Alpen (Foto: 26.01.2017)

Charakteristisch für die vergangene Zeit war auch eine extrem trockene Luftmasse mit einer relativen Luftfeuchtigkeit von teilweise unter 5% auf 3000m. Dies hatte zur Folge, dass die Schneedecke in besonnten, sehr steilen Hängen nur oberflächennah leicht feucht wurde. Für Firnverhältnisse reichte dies trotz der guten nächtlichen Abkühlung nicht. Kurzum: Die Schneequalität hat in besonnten Hängen gelitten.

Kleine Feuchtschneerutsche in den Südlichen Ötztaler Alpen (Foto: 26.01.2017)

Selbst in extrem steilen Südhängen auf 2000m findet man meist nur Bruchharsch. Kitzbüheler Alpen (Foto: 26.01.2016)

Zwei interessante, jedoch für die Lawinensituation vermutlich nicht mehr bedeutsame Entwicklungen konnte man kurzfristig in besonnten Hängen feststellen: Dort bildete sich einerseits aufgrund der extrem trockenen Luftmasse und der Sonneneinstrahlung knapp unter der pulvrigen Schneeoberfläche eine dünne Schmelzkruste. Andererseits war das Gefahrenmuster „kalt auf warm" zu beobachten: Auf einer vormals durchfeuchteten Schneeoberfläche, die von kaltem Pulverschnee überschneit wurden, entwickelten sich kantige Kristalle.

Was sich nicht geändert hat ist die Schneeverteilung im Land: Meist genügend Schnee für Wintersportaktivitäten in Nordtirol, zu wenig Schnee im südlichen Osttirol.

Schöne Winterlandschaft im Arlberggebiet (Foto: 24.01.2017)

Am meisten Schnee liegt in Osttirol ganz im Norden (Foto: 19.01.2017)

Wichtig erscheint weiterhin ein tiefer gehender Blick in die Schneedecke, und zwar in den Bereich der bodennahen Schwachschichten. Auffallend im Gelände ist die (meist schon länger zurückliegende) Lawinenaktivität in schattigen, sehr steilen Hängen, vermehrt in Höhenbereichen zwischen etwa 2300m und 2800m.

Die rote Markierung zeigt Lawinenaktivität in den Tuxer Alpen: Blick vom Tuxerjoch Richtung Westen (Foto: 23.01.2017)

Ein ähnliches Bild aus den Nördlichen Stubaier Alpen samt eingezeichneten Lawinenabgängen. (Foto: 22.01.2017)

Föhneinfluss samt Verfrachtungen führte am 22.01. zum Abgang der eingezeichneten Schneebrettlawine am Tuxerjoch. Bei der Ellipse wurde unteres Schneeprofil erstellt. Dahinter erkennt man die Wetterstation Tuxerjoch. (Foto: 23.01.2017)

An diesem Profilstandort beim Tuxerjoch erkennt man noch gut die Abfolge von Krusten und weichen, möglichen Schwachschichten. Die Testergebnisse variieren. Die Situation ist also noch etwas indifferent und deshalb nicht immer gut einschätzbar.

Hingegen erkennt man an diesem Profil die immer häufiger beobachtete Entwicklung, dass bodennahe Krusten abgebaut wurden und dort vorhandene Schwachschichten zusammensintern. Hier konnte bei Stabilitätstests kein Bruch erzeugt werden.

An diesem Profilstandort auf ca. 2300m, schattseitig in den Tuxer Alpen gibt es hingegen noch zwei mögliche Problembereiche: Harter Triebschnee auf lockeren, filzigen Kristallen. Bodennahe Schwachschicht, die zwischen einer Eislamelle und einer Schmelzkruste zu finden ist.

Ein Schneebrett, das vermutlich von einem Skifahrer in einem Westhang in den Zillertaler Alpen am 22.01. (nach Föhneinfluss) fernausgelöst wurde (Foto: 23.01.2017)

Ein bei Triebschneeauflage problematisches Schneeprofil aus den Ötztaler Alpen, ebenso in einem sehr steilen Westhang.

Mit den Profilen und dem Aufzeigen von noch problematischen Bereichen möchten wir v.a. darauf hinweisen, dass das Altschneeproblem noch nicht gebannt ist. Vermehrt im sehr steilen Gelände, an schneearmen Stellen lassen sich Lawinen auch noch in bodennahen Schichten stören. Öfters betroffen ist eindeutig schattseitiges Gelände in den inneralpinen Regionen in einem Höhenbereich zwischen etwa 2300m und 2800m. Aber auch in besonnten Hänge, (v.a. noch W- und O-seitig beginnend von etwa 2300m aufwärts) sollte man das Altschneeproblem in Betracht ziehen.

Mittwoch, 25. Januar 2017

Zunehmende Entspannung der Situation – vermehrte Gefahrenstellen noch in den vom Föhn beeinflussten Gebieten – Altschneeproblem bleibt diffus

Schneedeckenuntersuchungen, Rückmeldungen von Wintersportlern und auch ein Blick auf die während der vergangenen Tage beobachteten Abfahrten zeigen, dass sich die Situation zunehmend bessert. Durch das stabile Hochdruckwetter und die dadurch bedingte vermehrte Abstrahlung der Schneedecke werden oberflächennahe Spannungen innerhalb der Schneedecke zunehmend abgebaut. Die Schneedecke wird von der Oberfläche her immer lockerer – dies gilt derzeit v.a. für Schattenhänge. Zusätzlich lösen sich die in Bodennähe vorhandenen, dünnen Krusten langsam auf. In Bodennähe findet man deshalb immer häufiger eine in sich leicht verkrustete Schicht aus einem Gemisch von Schmelzformen, Schwimmschnee und kantigen Kristallen. Nichtsdestotrotz ist die Gefahr von Schneebrettlawinen, die in bodennahen Schichten brechen können nicht gebannt, einzig die Auslösewahrscheinlichkeit hat abgenommen.

Dies gilt allerdings nicht für die zwischen dem 22.01. und dem 23.01. vom Föhn beeinflussten Gebiete in Tirol. Dort haben sich neue Triebschneepakete gebildet. Der oben erwähnte oberflächennahe Spannungsabbau wurde dadurch wieder zunichte gemacht.


Eine detaillierte Beschreibung der Situation mit viel Bildmaterial folgt spätestens am kommenden Freitag, dem 27.01.2017.