Samstag, 5. Februar 2022

Weiterer Lawinenunfall bei der Breiteggspitze in den Westlichen Kitzbüheler Alpen forderte 2 Todesopfer

Nach einer Vermisstenmeldung samt einem nächtlichen, aufwändigen Sucheinsatz wurde kurz nach Mitternacht des 05.02. ein Lawinenabgang etwas südlich der Breiteggspitze in den Westlichen Kitzbüheler Alpen entdeckt. Zwei Personen wurden daraufhin mittels LVS-Gerät geortet. Sie konnten nur mehr tot aus der Lawine ausgegraben werden.

Die Lawine löste sich in einem extrem steilen Richtung WNW ausgerichteten, kammnahen Hang auf etwa 1850m Seehöhe. Die Skitourengeher befanden sich in der Abfahrt, als die Schneebrettlawine abging. Auch bei diesem tödlichen Lawinenunfall werden wir gemeinsam mit der Alpinpolizei die Unfallanalyse durchführen und möglichst zeitnah darüber in einem weiteren Blogeintrag berichten.


Eingekreist das Unfallgelände südlich der Breiteggspitze in den Westlichen Kitzbüheler Alpen. (c) tiris

Freitag, 4. Februar 2022

Weitere Lawinenabgänge in Tirol - Tödliches Lawinenunglück im Bereich der Fließer Stieralpe / Samnaungruppe mit 5 Todesopfern

Auch am heutigen 04.02.2022 wurden uns von der Leitstelle Tirol zahlreiche Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung gemeldet. Bei einem Lawinenabgang in der Samnaungruppe im Nahbereich der Fließer Stieralpe wurden 5 Personen getötet. Bei weiteren Lawinenabgängen bei der Steinalm bei Aurach in Kitzbühel sowie im Rettenbachtal in Sölden wurden Personen zum Teil schwer verletzt.

Lawinenunfall Fließer Stieralpe 

Der Lawinenunfall ereignete sich bei der Abfahrt einer Gruppe von Skifahrern, die von der Silvretta Skiarena kommend nach Spiss gelangen wollten. Es handelte sich um eine große Schneebrettlawine. Das der Lawine zugrunde liegende Lawinenproblem war ein kombiniertes Neu- und Altschneeproblem. Nähere Details zum Unfall werden wir morgen gemeinsam mit der Alpinpolizei erheben und diese möglichst zeitnah in einem weiteren Blogeintrag publizieren.


Überblicksfoto der Unglückslawine Fließer Berg. Magenta: Unglückslawine. Blau: Weitere Schneebrettlawine (Foto: 04.02.2022 (c) Alpinpolizei)
Überblicksfoto der Unglückslawine Fließer Berg. Magenta: Unglückslawine. Blau: Weitere Schneebrettlawine (Foto: 04.02.2022 (c) Alpinpolizei)

 
Grober Bereich der Unglückslawine östlich des Fließer Bergs (c) tiris

Vorsicht: Gebietsweise kombiniertes Neu- und Altschneeproblem

Eine grobe Analyse der bisherigen Lawinenereignisse ergab folgendes Bild: Während der kürzlichen Schneefall- und Sturmperiode waren häufig Schwachschichten im Bereich der ehemaligen Altschneeoberfläche sowie innerhalb des Neuschneepakets entscheidend für Lawinenabgänge. Nicht selten handelte es sich bei letzteren um massivere Graupeleinlagerungen. Inzwischen verlagert sich das Problem mehr und mehr in Richtung der Schwachschichten im Bereich der vorigen Altschneeoberfläche. Wie in dem am 27.01.2022 publizierten Blogeintrag erwähnt, hatten wir es da immer wieder mit Krusten und darunter befindlichen kantigen Kristallen zu tun. Diese Schwachschichten sind zum Teil recht zusammenhängend und führen entsprechend zu großflächigen Schneebrettlawinen (Altschneeproblem). Gehäuft trifft man darauf im schattigen Gelände von Waldlichtungen und vom Waldgrenzbereich bis teilweise 2700m aufwärts. Vom Nahbereich der Unfallregion (Westlicher Hauptkamm) wissen wir zudem von Schneedeckenuntersuchungen, dass die Altschneedecke häufig vollkommen aufbauend umgewandelt und somit recht locker war.

Donnerstag, 3. Februar 2022

Zahlreiche Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung!

Außerordentlich viel Lawinenmeldungen seitens der Leitstelle Tirol!

Alles andere als alltäglich war der heutige 03.02.2022 in Bezug auf Lawinenereignisse, die uns von der Leitstelle Tirol gemeldet wurden. In Summe waren es 26 (!):

09:56 Uhr: Lawine Skigebiet Rohrberg / Zell/Ziller (Verschüttete unbekannt)
10:01 Uhr: Lawine Skigebiet Horberg / Schwendau (Verschüttete unbekannt)
10:06 Uhr: Negativlawine Adler Lounge / Kals am Großglockner
10:21 Uhr: Negativlawine Hochsinnalm / Weerberg
10:27 Uhr: Negativlawine Kreuzjochbahn / Fulpmes
10:53 Uhr: Lawine Rodelbahn Gaislachkogel / Sölden (1 verschüttete Person)
11:16 Uhr: Negativlawine Rettenbachalm / Sölden
11:21 Uhr: Lawine Kleiner Rettenstein / Kirchberg (Annahme: 1 verschüttete Person)
11:31 Uhr: Negativlawine Lansergrabenlawine /Lans
11:31 Uhr: Lawine Sonnenspitze - Schartenkogellift / Tulfes (1 verletzte Person)
12:13 Uhr: Negativlawine Speicherbecken Gaisbergbach / Sölden
12:58 Uhr: Negativlawine Joelspitze / Alpbach
13:01 Uhr: Negativlawine Fimbatal / Ischgl
13:10 Uhr: Lawine Roßköpfe / Ötz (1 verschüttete Person)
13:24 Uhr: Lawine Grüblspitze / Tux (1 verschüttete Person)
13:25 Uhr: Negativlawine Tscheyeck / Nauders
13:42 Uhr: Negativlawine Hohe Aifner Spitze / Kaunerberg
14:07 Uhr: Lawine Muttenkopf / St. Leonhard im Pitztal (1 verletzte Person)
14:27 Uhr: Negativlawine Sennjoch / Telfes
14:32 Uhr: Lawine Ochsenkopf / Fendels (1 verschüttete Person)
14:43 Uhr: Lawine Plangger / Fendels (Verschüttete unbekannt)
15:07 Uhr: Negativlawine Plattachbahn / Sölden
15:15 Uhr: Negativlawine Übungsklettersteig Kreuzjoch / Telfes
15:50 Uhr: Negativlawine Saile (Nockspitze) / Götzens
16:45 Uhr: Lawine Verlängerter Steilhang Venet / Zams (Verschüttete unbekannt)
18:03 Uhr: Negativlawine Widdersbergsattel / Axams

Dabei dürften unserem aktuellem Wissensstand zufolge 2 Personen verletzt worden sein.


Lawinenabgang Sonnenspitze / Tulfes. Einfahrtsspur und Verschüttungsstelle. Nord, 40-45°, 2060m (Foto: 03.02.2022)
Lawinenabgang Sonnenspitze / Tulfes. Einfahrtsspur und Verschüttungsstelle. Nord, 40-45°, 2060m Person wurde durch Kameradenrettung ausgegraben. Sie war zu diesem Zeitpunkt bereits bewusstlos. (Foto: 03.02.2022)


Schneeprofil zum Lawinenunfall Sonnenspitze. Der Bruch erfolgte unterhalb einer dünnen Schmelzkruste auf einer Schwachschicht aus kantigen Kristallen (c) Alpinpolizei
Schneeprofil zum Lawinenunfall Sonnenspitze. Der Bruch erfolgte unterhalb einer dünnen Schmelzkruste auf einer Schwachschicht aus kantigen Kristallen (c) Alpinpolizei



Lawinenabgang im freien Skigelände Skigebiet Sölden. Person war total verschüttet und konnte durch einen aus dem Schnee herausragenden Arm rasch vom Kollegen befreit werden. (Foto: 03.02.2022)
Lawinenabgang im freien Skigelände Skigebiet Sölden. Eine Person wurde total verschüttet und konnte durch einen aus dem Schnee herausragenden Arm rasch vom Kollegen unverletzt befreit werden. (Foto: 03.02.2022)


Schneeprofil zum Lawinenabgang freies Skigelände Skigebiet Sölden. Der Pfeil zeigt auf die für den Abgang relevante Schwachschicht aus kantigen Kristallen unterhalb einer dünnen Schmelzkruste. 2200m, 37°m Ost (c) Tobias Holzknecht
Schneeprofil zum Lawinenabgang freies Skigelände Skigebiet Sölden. Der Pfeil zeigt auf die für den Abgang relevante Schwachschicht aus kantigen Kristallen unterhalb einer dünnen Schmelzkruste. 2200m, 37°m Ost (c) Tobias Holzknecht


Lawinenabgang Horberg. Der Pfeil zeigt die Einfahrtsspur in die Lawine (Foto: (c) Alois Sötckl, 03.02.2022)
Lawinenabgang Horberg. Der Pfeil zeigt die Einfahrtsspur in die Lawine (Foto: (c) Alois Sötckl, 03.02.2022)


Lawinenabgang Kleiner Rettenstein. Aufwändige Suchaktion. Man ging lange Zeit von einer verschütteten Person aus. Schlussendlich stellte sich heraus, dass niemand von der Lawine erfasst wurde. (Foto: 03.02.2022)
Lawinenabgang Kleiner Rettenstein. Aufwändige Suchaktion. Man ging lange Zeit von einer verschütteten Person aus. Schlussendlich stellte sich heraus, dass niemand von der Lawine erfasst wurde. (Foto: 03.02.2022)


Zahlreiche spontane Lawinenabgänge insbesondere am 02.02.2022


Schneebrettlawine Gallreideschrofen im Gschnitztal, die während der Schneefall- und Sturmperiode am 02.02.2022 spontan abgegangen ist (Foto: 03.02.2022)
Schneebrettlawine Gallreideschrofen im Gschnitztal, die während der Schneefall- und Sturmperiode am 02.02.2022 spontan abgegangen ist (Foto: 03.02.2022)


Spontanes, kammnahes Schneebrett in den Osttiroler Tauern vom 02.02.2022 (Foto: 03.02.2022)
Spontanes, kammnahes Schneebrett in den Osttiroler Tauern vom 02.02.2022 (Foto: 03.02.2022)


Schneebrettlawine, die vermutlich durch den Impuls der Sonneneinstrahlung am 03.02. spontan abgegangen ist. Nockspitze / Stubaier Alpen (Anmerkung vom 05.02.: Die Lawine dürfte nach weiteren Recherchen doch NICHT durch die Sonneneinstrahlung ausgelöst, sondern am 02.02. spontan abgegangen sein. (Foto: 03.02.2022)
Schneebrettlawine, die vermutlich durch den Impuls der Sonneneinstrahlung am 03.02. spontan abgegangen ist. Nockspitze / Stubaier Alpen (Anmerkung vom 05.02.: Die Lawine dürfte nach weiteren Recherchen doch NICHT durch die Sonneneinstrahlung ausgelöst, sondern am 02.02. spontan abgegangen sein. (Foto: 03.02.2022) 


Häufig sehr gute Sprengerfolge

Unsere Erfahrung hat uns nicht getäuscht: Die Kombination aus viel Neuschnee, Wind und steigenden Temperaturen während der zweiten Niederschlagsstaffel führte dazu, dass großflächig umspannende und spannungsgeladene "Bretter" entstanden sind. Diese konnten heute in weiten Teilen Tirols häufig mit sehr guten Erfolgen gesprengt werden. Die Lawinen waren vereinzelt sehr groß.



Lawinensprengung oberhalb des Skigebiets Schlick 2000 in den Kalkkögeln. (Foto: 03.02.2022)
Lawinensprengung oberhalb des Skigebiets Schlick 2000 in den Kalkkögeln. (Foto: 03.02.2022)


Lawinensprengung im Kühtai - Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 03.02.2022)
Lawinensprengung im Kühtai - Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 03.02.2022)


Kurzer Rückblick auf die Niederschlagsperiode

Wie schon erwähnt, waren die Prognosen der ZAMG-Wetterdienststelle sehr gut. Nordtirol und das nördliche Osttirol haben zwischen Montag, 31.01. und Mittwoch, 02.02. verbreitet viel Schnee abbekommen. 

72h-Differenz der Gesamtschneehöhe. In Staulagen kamen lokal etwas mehr als 200cm Neuschnee zusammen!
72h-Differenz der Gesamtschneehöhe. In Staulagen kamen lokal etwas mehr als 200cm Neuschnee zusammen!


Spitzenreiter war die Alplhütte nördlich von Telfs. Zwischen 31.01. und 02.02. nachts wurden dort etwas mehr als 250mm Niederschlag gemessen!
Spitzenreiter war die Alplhütte nördlich von Telfs. Zwischen 31.01. und 02.02. nachts wurden dort etwas mehr als 250mm Niederschlag gemessen!


Typische Wetterstationsgrafik für die niederschlagsreichen Regionen: Neuschnee kam in zwei Staffeln. Starker bis stürmischer Wind samt ansteigenden Temperaturen. Ulmerhütte / Arlbergregion
Typische Wetterstationsgrafik für die niederschlagsreichen Regionen: Neuschnee kam in zwei Staffeln. Starker bis stürmischer Wind samt ansteigenden Temperaturen. Ulmerhütte / Arlbergregion


Vorerst teilweise noch heikle Lawinensituation für Wintersportler

Zwar konnten wir für morgen, 04.02. die Gefahrenstufe von "groß" auf "erheblich" zurückstufen, dennoch haben wir es gebietsweise noch mit einer heiklen Lawinensituation für Wintersportler zu tun. Problematisch sind und bleiben vorerst noch dünne Schwachschichten im Bereich der Altschneeoberfläche vor den vergangenen Schneefällen. Vermehrt findet man diese in tendenziell eher windberuhigten Schattenhängen von Waldlichtungen aufwärts, aber auch in Sonnenhängen in größeren Höhen. Hingegen sollten die im Neuschneepaket vorhandenen Schwachschichten - speziell in Form von ausgeprägten Graupelschichten - während der kommenden Tage kaum mehr zu stören sein.


Unterwegs im mäßig steilen, besonnten Gelände. Hier konnte man am 03.02. sicher und genussvoll unterwegs sein. Leider leidet die Schneequalität durch die Sonneneinstrahlung zunehmend.
Unterwegs im mäßig steilen, besonnten Gelände. Hier konnte man am 03.02. sicher und genussvoll unterwegs sein. Leider leidet die Schneequalität durch die Sonneneinstrahlung zunehmend. 


In den neuschneereichen Regionen wird man auf Grashängen wieder vermehrt Gleitschneelawinen und -rutsche beobachten können. Gschnitztal (03.02.2022)
In den neuschneereichen Regionen wird man auf Grashängen wieder vermehrt Gleitschneelawinen und -rutsche beobachten können. Gschnitztal (03.02.2022)

Mittwoch, 2. Februar 2022

Unfallträchtige Lawinensituation!

Zahlreiche Gefahrenstellen führen zu einer unfallträchtigen Lawinensituation

Wie von der ZAMG-Wetterdienststelle vorhergesagt gabs in weiten Teilen Tirols viel Neuschnee, viel Wind und von Dienstag, 01.02.2022 auf Mittwoch, 02.02.2002 zusätzlich steigende Temperaturen. Die Lawinengefahr ist aktuell in Nordtirol sowie im nördlichen Osttirol oberhalb der Waldgrenze groß, darunter erheblich. Gefahrenstellen sind zahlreich. Man findet diese nicht nur oberhalb der Waldgrenze sondern auch im lichten Waldbereich. Zudem lassen sich Lawinen vermehrt auch in pistennahen Bereichen von WintersportlerInnen auslösen. 


Erhöhte Störanfälligkeit der Schneedecke auch im Bereich von Böschungen bzw. Waldlichtungen. Weißkugelgruppe (Foto: 02.02.2022)
Erhöhte Störanfälligkeit der Schneedecke auch im Bereich von Böschungen bzw. Waldlichtungen. Weißkugelgruppe (Foto: 02.02.2022)


Schneebrettlawine im lichten Waldbereich. Lawinenverbauungen sind übrigens nicht als Schutz vor Skifahrerlawinen gebaut worden. Nördliche Zillertaler Alpen (Foto: 02.02.2022)
Schneebrettlawine im lichten Waldbereich. Lawinenverbauungen sind übrigens nicht als Schutz vor Skifahrerlawinen gebaut worden. Nördliche Zillertaler Alpen (Foto: 02.02.2022)


Weitere Details zur aktuellen Situation bzw. zur weiteren Entwicklung werden morgen Donnerstag, 03.02.2022 am Abend in einem neuen Blogeintrag veröffentlicht werden.

Montag, 31. Januar 2022

Verbreitet große Lawinengefahr!

Viel Neuschnee und Sturm lassen die Lawinengefahr auf "groß" ansteigen

Die von der ZAMG-Wetterdienststelle vorhergesagte Kaltfront ist heute am 31.01. während der Mittagsstunden eingetroffen und lässt es inzwischen in weiten Teilen Nordtirols intensiv schneien. Zudem weht auf den Bergen starker bis stürmischer Wind aus Nordwest. Bis inklusive Mittwoch sind laut aktueller Prognose verbreitet 80 bis 130cm Neuschnee zu erwarten. Am stärksten betroffen sind laut ZAMG-Wetterdienststelle die Silvretta-Arlbergregion und die Lechtaler Alpen bis zum Karwendel. Hier sind 130 bis lokal 180cm Neuschnee möglich. Am wenigsten Neuschnee bekommt hingegen das südliche Osttirol mit etwa 20cm ab.


72h-Neuschneeprognose ab Montag, 31.01.2022
72h-Neuschneeprognose ab Montag, 31.01.2022


Der Niederschlag fällt im Wesentlichen in zwei Staffeln, einmal in Form einer Kaltfront von Montag auf Dienstag mit einer kurzen Wetterberuhigung am Dienstag Nachmittag. Den zweiten Schub bringt eine warmaktive Front ab Dienstag abends bis inklusive Mittwoch.


Niederschlags- und Windprognose für eine der niederschlagsreichsten Regionen Tirols, der Silvretta.
Niederschlags- und Windprognose für eine der niederschlagsreichsten Regionen Tirols, der Silvretta.


Gut zu sehen: Einzug der Kaltfront ab den Mittagsstunden des 31.01. mit beginnendem Schneefall samt starkem bis stürmischem Wind
Gut zu sehen: Einzug der Kaltfront ab den Mittagsstunden des 31.01. mit beginnendem Schneefall samt starkem bis stürmischem Wind


Für Dienstag, den 01.02.2022 rechnen wir vorerst mit einer heiklen bis gefährlichen Situation für den Wintersportler ("Wintersportler-Groß" oberhalb des Waldgrenzbereichs). Ab Mittwoch ist die große Gefahr dann vermehrt in Zusammenhang mit großen spontanen Lawinenabgängen zu sehen. In den besonders schneereichen Regionen muss man dann im Tagesverlauf bei steigenden Temperaturen auch mit (vereinzelten) sehr großen Lawinenabgängen rechnen. 


Ein Blick in die Schneedecke

Wie schon im letzten Blogeintrag erwähnt, ist eine genaue Analyse des aktuellen Schneedeckenaufbaus vor solchen Schneefällen essentiell für eine bessere Abschätzung der Lawinengefahr, insbesondere auch der zu erwartenden Lawinenarten bzw. Lawinengrößen.

Wir haben das Glück, einerseits auf eine große Anzahl hochqualitativer Schneeprofile zurückgreifen zu können (lawis.at). Andererseits konnten wir uns während unserer Außendiensttage, u.a. auch mit Unterstützung des Landeshubschraubers selbst ein sehr gutes Bild über den Aufbau und die Stabilität der Schneedecke in ganz Tirol verschaffen.


Schneedeckenuntersuchungen als Basis einer guten Lawinenprognose. Westliche Verwallgruppe (Foto: 25.01.2022)
Schneedeckenuntersuchungen als Basis einer guten Lawinenprognose. Westliche Verwallgruppe (Foto: 25.01.2022)


Analyse von Schneeprofilen

Bezeichnend ist aktuell eine meist recht stabile Altschneedecke mit möglichen Schwachschichten am ehesten in oberflächennahen Bereichen unterhalb dünner Schmelzkrusten.


Schneeprofil in der Grießkogelgruppe vom 29.01.2022, NO, 2485m, 33°, NO. Stabilitätstests führten nur zu einem oberflächennahen Teilbruch.
Schneeprofil in der Grießkogelgruppe vom 29.01.2022, NO, 2485m, 33°. Stabilitätstests führten nur zu einem oberflächennahen Teilbruch.


Schneeprofil in der Westlichen Verwallgruppe vom 28.01.2022; O, 2610m, 38°. Teilbruch unterhalb einer dünnen, oberflächennahen Schmelzkruste.
Schneeprofil in der Westlichen Verwallgruppe vom 28.01.2022; O, 2610m, 38°. Teilbruch unterhalb einer dünnen, oberflächennahen Schmelzkruste.


Schneeprofil in der Glockturmgruppe vom 25.01.2022, N, 2280m, 32°. Das Profil besteht v.a. aus kantigen Kristallen. Bei sehr große Auflast könnte es trotz aktuell geringer Tendenz zur Bruchausbreitung zum Bruch an der Basis kommen. Dies v.a. im Bereich so genannter "Schwimmschneenester", bevorzugt an schneearmen Stellen.
Schneeprofil in der Glockturmgruppe vom 25.01.2022, N, 2280m, 32°. Das Profil besteht v.a. aus kantigen Kristallen. Bei sehr große Auflast kann es trotz aktuell geringer Tendenz zur Bruchausbreitung zum Bruch an der Basis kommen. Dies v.a. im Bereich so genannter "Schwimmschneenester", bevorzugt an schneearmen Stellen.


Hohe Variabilität der Schneeoberfläche aufgrund starken bis stürmischen Windes

Vor diesen Schneefällen wehte bereits vielerorts starker bis stürmischer Wind, der die Schneeoberfläche massiv bearbeitete. Diese ist häufig sehr inhomogen und variabel. Entsprechend unterschiedlich ist auch die Schneeverteilung. Dies ist positiv zu werten, weil große Bruchfortpflanzungen im Altschnee dadurch unwahrscheinlich werden.


Die vergangenen Tage waren von starkem bis stürmischem Wind auf den Bergen geprägt. Grießkogelgruppe, (Foto: 29.01.2022)
Die vergangenen Tage waren von starkem bis stürmischem Wind auf den Bergen geprägt. Grießkogelgruppe, (Foto: 29.01.2022)


Pimigspitze in den Westlichen Lechtaler Alpen. Der nach Norden ausgerichtete Hang ist und war unlängst massiv dem Wind ausgesetzt. (Foto: 28.01.2022)
Pimigspitze in den Westlichen Lechtaler Alpen. Der nach Norden ausgerichtete Hang ist und war unlängst massiv dem Wind ausgesetzt. (Foto: 28.01.2022)


Windberuhigte Bereiche mit einer ungestörten Schneeoberfläche (als mögliche Schwachschichten für Schneebrettlawinen) sind entsprechend rar. Am ehesten ist dies in schattigen Karen oder in nach (Süd-)Osten ausgerichteten Hängen bzw. Karen der Fall. Dort findet man eine lockere Altschneeoberfläche, nicht selten versehen mit massiven Graupeleinlagerungen der vergangenen Tage. Ebenso konnten sich dort wohl am ehesten der  (im vorigen Blogeintrag) erwähnte verkrustete Oberflächenreif (mit beginnender aufbauender Umwandlung darunter) halten.


Schwachschichten für Schneebrettlawinen

Somit ergeben sich folgende realistische Möglichkeiten, wo Schneebrettlawinen brechen können:
  • Aufbauend umgewandelte Schneeoberfläche in windberuhigten Bereichen
  • Lockerer Neuschnee der vergangenen Tage in windberuhigten Bereichen (u.a. im nördlichen Osttirol)
  • Kantige Schicht unterhalb oberflächennaher Schmelzkrusten
  • Lockere, aufbauend umgewandelte Basis der Schneedecke (am häufigsten beobachtet wohl in der Glockturmgruppe)
  • Schwachschichten, die sich ab heute, 31.01. Mittag im Neuschneepaket bilden. Das können massive Graupeleinlagerungen sein. Dies kann aber auch kalter Neuschnee sein, der kurzfristig unter wenig Windeinfluss fällt und dann von Triebschnee bzw. wärmerem Neuschnee aufgrund der warmaktiven Front am Mittwoch überlagert wird.

Ausblick

Nach Ende der intensiven Neuschneefälle am Mittwoch, 02.02. nachts wird auch der Donnerstag, 03.02. voraussichtlich ein gefährlicher Lawinentag werden. Dies primär aufgrund des bis dann sehr gut ausgebildeten Bretts, welches sich v.a. am Mittwoch mit steigenden Temperaturen bei immer noch starkem bis stürmischem Wind ausgebildet haben wird. Aber auch am Donnerstag selbst können deutlich steigende Temperaturen zu einer kurzfristig erhöhten Auslösebereitschaft führen. In den Skigebieten wird es sich voraussichtlich um einen Tag mit sehr guten Sprengerfolgen handeln. Ab Freitag wird die Lawinengefahr bei sinkenden Temperaturen recht rasch zurückgehen.


Das Gebot der Stunde für WintersportlerInnen

Unerfahrene Personen sollten während der kommenden Tage auf den gesicherten Pisten bleiben. Die Tourenmöglichkeiten sind stark eingeschränkt. Große Zurückhaltung uns sehr gutes lawinenkundliches Wissen erscheinen in den neuschneereichen Regionen angebracht!