Sonntag, 12. Dezember 2021

Analyse des Lawinenunfalls am Venet vom 11.12.2021

Unfallablauf und Lawinenfakten


Heute am 12.12. waren wir gemeinsam mit der Alpinpolizei und weiteren Experten auf der Unfallstelle vom 11.12.2021. Die Recherchen der Alpinpolizei ergaben folgenden Unfallablauf:

6 Jugendliche fuhren bereits 3x orographisch links des späteren Lawinenabgangs im pistennahen, tendenziell flacheren Gelände im freien Skiraum ab. Bei der vierten Abfahrt kurz vor 12:00 Uhr querten sie einen sehr steilen Nordhang. Inmitten des immer noch sehr bis extrem steilen Geländes blieben sie der Reihe nach stehen. Als die letzten zwei Personen dieser Gruppe zum Sammelplatz fuhren, löste sich oberhalb von ihnen eine Schneebrettlawine. Alle Personen wurden von der Lawine erfasst. Während es einer Person gelang, orographisch rechts aus der Lawine auszufahren, wurden die restlichen Jugendlichen mitgerissen. Vier davon wurden teilweise, eine Person total verschüttet.

Die Lawine wurde von Wintersportlern beobachtet. Sie führten sehr professionell die sofortige Alarmierung durch und beteiligten sich zudem sofort an der Suche nach den Verschütteten.

Von den teilweise Verschütteten zogen sich zwei Verletzungen zu und wurden ins Krankenhaus Zams geflogen. Die total verschüttete Person wurde im Rahmen eines groß angelegten Sucheinsatztes nach 1,5 Stunden geortet und konnte nur mehr tot geborgen werden.

Die Lawine war 280m lang, 70m breit und wies eine durchschnittliche Anrissmächtigkeit von etwa 50cm (Maximum bis 140cm) auf. Das Anrissgebiet befand sich auf 2140m. Der Hang ist 40° steil (extrem steil) und weist nach Norden. 



Übersichtsbild vom 11.12.2021: Der Pfeil symbolisiert die Einfahrtsspur, das Rechteck den ungefähren Sammelpunkt, der Kreis den Auffindepunkt des tödlich Verunglückten. Die blau dargestellte Lawine löste sich nach diesem Lawinenabgang im Rahmen der Rettungsaktion durch Fernauslösung.
Übersichtsbild vom 11.12.2021: Der Pfeil symbolisiert die Einfahrtsspur, das Rechteck den ungefähren Sammelpunkt, der Kreis den Auffindungspunkt des tödlich Verunglückten. Die blau dargestellte Lawine löste sich nach diesem Lawinenabgang im Rahmen der Rettungsaktion durch Fernauslösung.

   

Weiteres Überblicksbild
Weiteres Überblicksbild von der Alpinpolizei vom 11.12.2021



Im Anrissgebiet der Lawine. Man erkennt links oben einen Teil des Lawinenanrisses. Zudem lässt sich die Steilheit des Geländes erahnen. (Foto:12.12.2021)
Im Anrissgebiet der Lawine. Man erkennt links oben einen Teil des Lawinenanrisses. Zudem lässt sich die Steilheit des Geländes erahnen. (Foto: 12.12.2021)



Am Lawinenanriss. Bruch bis in bodennahe Schichten. Rechts zudem eine gering mächtige, kürzlich gebildete Triebschneeauflage zu erkennen. (Foto: 12.12.2021)
Am Lawinenanriss. Bruch bis in bodennahe Schichten. Rechts erkennt man zudem eine gering mächtige, kürzlich gebildete Triebschneeauflage. (Foto: 12.12.2021)



Bei der kleinen Lärche wurde der getötete Jugendliche aufgefunden (Foto: 12.12.2021)
Bei der kleinen Lärche wurde der getötete Jugendliche aufgefunden (Foto: 12.12.2021)



Schneedeckenanalyse


Unsere Schneedeckenuntersuchungen bestätigten das im gestrigen Blog vermutete kombinierte Trieb- und Altschneeproblem. Dabei war das Altschneeproblem mit einer durchgängigen, zum Teil sehr ausgeprägten Schwachschicht aus lockeren, kantigen Kristallen dafür verantwortlich, dass die Lawine diese Ausmaße erlangte. Die für den Lawinenabgang relevanten Schwachschichten bildeten sich übrigens während der langen Schönwetterphase bis Ende November.

Auffallend war, und das zeigen auch weitere Schneedeckenuntersuchungen in anderen Teilen des Landes, dass die Schwachschichten in schneeärmeren Bereichen ausgeprägter und störanfälliger sind, als in schneereicheren Bereichen. In ersteren Bereichen benötigt man mitunter sehr geringe Belastung für eine Störung. 



Profil an einem schneearmen Bereich orographisch links des Lawinenanrisses. Ein "Krusten-Sandwich" mit dazwischen liegenden, lockeren Schichten. Darüber ein mitunter vom Wind geprägtes Schneepaket. (Foto: 12.12.2021)
Profil an einem schneearmen Bereich orographisch links des Lawinenanrisses. Ein "Krusten-Sandwich" mit dazwischen liegenden, lockeren Schichten. Darüber ein mitunter vom Wind geprägtes Schneepaket.  (Foto: 12.12.2021)



Das zu obigem Bild gehörige Profil. Der Pfeil zeigt die schwache Schicht aus kantigen Kristallen, die mitunter sehr leicht zu stören war.
Das zu obigem Bild gehörige Profil. Der Pfeil zeigt die schwache Schicht aus kantigen Kristallen, die mitunter sehr leicht zu stören war.


Schneeprofil an einer schneereicheren Stelle. Oberflächennahe Triebschneepakete lagern auf weicheren Schichten. Bodennahe schwache Schichten aus kantigen Kristallen haben sich hier deutlich schwerer stören lassen. (Foto: 12.12.2021)
Schneeprofil an einer schneereicheren Stelle. Oberflächennahe Triebschneepakete lagern auf weicheren Schichten. Bodennahe schwache Schichten aus kantigen Kristallen haben sich hier deutlich schwerer stören lassen. (Foto: 12.12.2021)


Das zu obigem Foto dazugehörige Schneeprofil: Der Pfeil zeigt auf die für den Lawinenabgang bedeutsame Schwachschicht. Das Profil wurde orographisch links der Lawinenbahn in etwa in Höhe des Sammelpunktes der Jugendlichen an einer schneereichen Stelle gegraben.
Das zu obigem Foto dazugehörige Schneeprofil: Der Pfeil zeigt auf die für den Lawinenabgang bedeutsame Schwachschicht. Das Profil wurde orographisch links der Lawinenbahn in etwa in Höhe des Sammelpunktes der Jugendlichen an einer schneereichen Stelle gegraben.


FAZIT

Schneebrettlawinen lassen sich weiterhin, v.a. an schneeärmeren Stellen bzw. an Übergangsbereichen von wenig zu viel Schnee in schwachen Schichten auslösen. Eine Verfestigung der Schichten geht aktuell nur langsam vonstatten. An der für den Wintersportler zum Teil immer noch komplexen und mitunter schwierig einzuschätzenden Lawinensituation ändert sich zumindest vom Waldgrenzbereich aufwärts vorerst nichts.

Samstag, 11. Dezember 2021

Tödlicher Lawinenunfall Venet

Heute am 11.12.2021 ereignete sich ein tödlicher Lawinenunfall im freien Skiraum auf der Nordseite des Venet südlich von Zams. Mehrere Personen wurden von einem Schneebrett erfasst. Eine Person konnte im Rahmen einer groß angelegten Suchaktion nur mehr tot geborgen werden, 2 Personen wurden verletzt. 

Gemeinsam mit der Alpinpolizei werden wir morgen am 12.12. die Unfallanalyse durchführen und unsere Erkenntnisse zeitnah in einem weiteren Blog veröffentlichen.

Unserem letzten Informationsstand deutet sehr viel auf ein kombiniertes Trieb- und Altschneeproblem hin. Gefahrenbereiche findet man aktuell vermehrt auch im Pistennahbereich.

Donnerstag, 9. Dezember 2021

Komplexe und unfallträchtige Lawinensituation!

WintersportlerInnen raten wir weiterhin zu besonderer Vorsicht und Zurückhaltung!


Störanfällige Schneedecke

Das aktuelle sowie prognostizierte Wettergeschehen (mit Wind, Schneefall und einer ab Sonntag 12.12. angekündigten Warmfront) in Kombination mit dem Schneedeckenaufbau lassen vorerst keine Entspannung der für den Wintersportler und die Snowboarderin fordernden Lawinensituation erkennen. Wir pendeln von der Gefahreneinschätzung zwischen einem "Wintersportler-Groß" und einem "gespannten 3-er" (erhebliche Gefahr), vom Waldgrenzbereich aufwärts. 

Dies hat, wie schon in den vorigen Blogeinträgen erwähnt, mit einem verbreitet recht ungünstigen Schneedeckenaufbau zu tun. Innerhalb der Schneedecke findet man nämlich mehrere, mögliche Schwachschichten, die bereits durch das Gewicht eines einzelnen Wintersportlers gestört werden können.


Die Pfeile zeigen auf die aktuell wahrscheinlichsten Bruchstellen innerhalb der Schneedecke hin. Diese findet man bevorzugt an Übergängen von dünnen weichen und harten Schichten. In Oberflächennähe bestehen die Schwachschichten häufig aus lockerem Pulverschnee (z.T. handelt es sich um Wildschnee), manchmal auch vermengt mit Graupeleinlagerungen. Tiefer in der Schneedecke handelt es sich um lang anhaltende, aufbauend umgewandelte Schwachschichten, die sich während des Frühwinters (insbesondere während der langen Schönwetterperiode im November) gebildet haben. Profil vom 08.12.2021, 1965m, Nord. Galtjoch, Östliche Lechtaler Alpen
Die Pfeile zeigen auf die aktuell wahrscheinlichsten Bruchstellen innerhalb der Schneedecke hin. Diese findet man bevorzugt an Übergängen von dünnen weichen und harten Schichten. In Oberflächennähe bestehen die Schwachschichten häufig aus lockerem Pulverschnee (z.T. handelt es sich um Wildschnee), manchmal auch vermengt mit Graupeleinlagerungen. Tiefer in der Schneedecke sind es lang anhaltende, aufbauend umgewandelte Schwachschichten, die sich während des Frühwinters (insbesondere während der langen Schönwetterperiode im November) gebildet haben. Profil vom 08.12.2021, 1965m, Nord. Galtjoch, Östliche Lechtaler Alpen  

Aufbauend umgewandelte Schwachschichten findet man dort, wo vor den Schneefällen Ende November Schnee liegen geblieben ist. Dies war bevorzugt in Schattenhängen vom Waldgrenzbereich aufwärts sowie in Sonnenhängen in größeren Höhen der Fall. Oberflächennahe (überwehte) Schwachschichten, bestehend aus lockerem Pulverschnee, sind aktuell in windbeeinflussten Gebieten in allen Expositionen, wiederum bevorzugt vom Waldgrenzbereich aufwärts anzutreffen.

Während oberflächennahe Schichten aktuell häufig sehr leicht zu stören sind, zeigen Stabilitätstests bei den tieferen, aufbauend umgewandelten Schwachschichten einen langsamen Trend in Richtung etwas geringerer Störanfälligkeit, allerdings bei immer noch guter Bruchausbreitung. Konkret heißt das, dass Lawinen unverändert auch in tieferen Schichten brechen können. Die zu erwartenden Lawinen können insbesondere in den schneereicheren Regionen somit gefährlich groß für Wintersportler werden.


Risse und Setzungsgeräusche beim Betreten der Schneedecke standen seit 01.12. an der Tagesordnung. Inzwischen sind diese etwas seltener geworden. Sie deuten aber ganz klar auf eine ungünstige, störanfällige Schneedecke hin. Arlberggebiet (Foto: 01.12.2021)


Wechselhaftes Wetter


Sehr wechselhaft: Immer wieder Schneefall, Wind aus wechselnden Richtungen sowie ein Auf und Ab bei den Temperaturen. Station Grubigstein in den Östlichen Lechtaler Alpen
Sehr wechselhaft: Immer wieder Schneefall, Wind aus wechselnden Richtungen sowie ein Auf und Ab bei den Temperaturen. Station Grubigstein in den Östlichen Lechtaler Alpen


Die vergangenen Niederschläge vom 08.12. auf den 09.12. konzentrierten sich v.a. auf den Westen und Süden des Landes und fielen etwas geringer aus, als ursprünglich vorhergesagt.
Die vergangenen Niederschläge vom 08.12. auf den 09.12. konzentrierten sich v.a. auf den Westen und Süden des Landes und fielen etwas geringer aus, als ursprünglich vorhergesagt. 


Das Wetter bleibt zumindest bis übers Wochenende hinaus wechselhaft. Immer wieder Neuschneezuwachs, zum Teil starker Wind und, wie schon erwähnt von Sonntag auf Montag  (12.12. auf 13.12.) eine Warmfront, die Regen bis zumindest in mittlere Höhenlagen hinauf bringen soll. All dies deutet vorerst auf keine Entspannung der Situation, im Gegenteil, spätestens vom 12.12. auf den 13.12. wieder auf einen (neuerlichen) Anstieg der Lawinengefahr hin.


Die vergangenen Niederschläge vom 08.12. auf den 09.12. konzentrierten sich v.a. auf den Westen und Süden des Landes und fielen etwas geringer aus, als ursprünglich vorhergesagt.
Abgeblasene, neben eingeblasene Bereiche - ein Zeichen von kürzlichem Windeinfluss. Nockspitze, Nördliche Stubaier Alpen (Foto: 08.12.2021)


(Vereinzelt) auch noch spontane Lawinenabgänge möglich

Mit dem prognostiziertem, stärker werdenden Wind sind vereinzelt noch spontane Lawinenabgänge denkbar. Wichtig erscheint jedoch, dass die aktuelle Schneemenge nicht ausreicht, dass große schadenbringende Lawinen abgehen werden. Mit vermehrter spontaner Lawinenaktivität rechnen wir dann wieder mit Eindringen der Warmfront ab Sonntag, 12.12.

Foto einer von der Hohen Munde im Mieminger Gebirge gerade im Staub abgehenden Lawine. Lawinengröße im Anrissbereich vermutlich mittelgroß. (Foto: 09.12.2021)
Foto einer von der Hohen Munde im Mieminger Gebirge gerade im Staub abgehenden Lawine. Lawinengröße im Anrissbereich vermutlich mittelgroß. (Foto: 09.12.2021)


Gleitschnee auf steilen Wiesenhängen beachten

In den schneereichen Regionen wurde während der vergangenen Tage eine etwas erhöhte Aktivität von Gleitschneerutschen bzw. -lawinen beobachtet. Dies war v.a. in tiefen und mittleren Höhenlagen der Fall. 

Gleitschneeaktivität in den Südlichen Zillertaler Alpen (Foto: 06.12.2021)
Gleitschneeaktivität in den Südlichen Zillertaler Alpen (Foto: 06.12.2021)


Günstiger: In tieferen, windgeschützten Lagen

Wer die kommenden Tage im Gelände unterwegs sein möchte, der findet in tieferen Lagen, dort, wo einerseits kein Wind im Spiel war, andererseits sich bis zum 26.11. kein Schnee halten konnte und überdies keine Gleitschneeproblematik vorhanden ist, vergleichsweise recht gute Bedingungen vor.


In tieferen Lagen herrschen vergleichsweise recht gute Bedingungen. Tuxer Alpen (Foto: 07.12.2021)
In tieferen Lagen herrschen meist deutlich bessere Verhältnisse. Tuxer Alpen (Foto: 07.12.2021)


Appell

Gefahrenbereiche sind aktuell auch für den erfahrenen Wintersportler zumindest vom Waldgrenzbereich aufwärts nur schwierig zu erkennen und zudem recht weit verbreitet. Defensives Verhalten ist deshalb wohl das Gebot der Stunde. Unerfahrenen Personen raten wir, bis auf weiteres möglichst auf den gesicherten Pisten zu bleiben.

Vorsicht: Gefahrenbereiche findet man unverändert auch im Nahbereich von Pisten!

Lawinenabgang aufgrund einer Fernauslösung im unmittelbaren Nahbereich einer Piste im Skigebiet Hochötz (Foto: 05.12.2021)
Lawinenabgang aufgrund einer Fernauslösung im unmittelbaren Nahbereich einer Piste im Skigebiet Hochötz (Foto: 05.12.2021)


Dienstag, 7. Dezember 2021

Heikle Lawinensituation mit zahlreichen Gefahrenstellen für den Wintersportler - Gebietsweiser Anstieg der Lawinengefahr auf Stufe 4 (groß)!

Ungünstige Einflussfaktoren bedingen gebietsweise große Lawinengefahr


Der für morgen, 08.12. prognostizierte Neuschneezuwachs von häufig 20-30cm, verbunden mit starkem Wind, kalten Temperaturen sowie einer ohnehin schon störanfälligen Schneedecke führen zu einem Anstieg der Lawinengefahr. Diese wird in den Hauptniederschlagsgebieten morgen am 08.12.2021 während des Tages groß. Wir rechnen spätestens dann mit vermehrter spontaner Lawinenaktivität.


Schneebrettabgang Ragötzellenke, Deferegger Berge (Foto: 04.12.2021)
Vermutlich spontaner Schneebrettabgang Ragötzellenke, Deferegger Berge. 2500m, NNO (Foto: 04.12.2021)


Einerseits werden Schneebrettlawinen im Bereich von schwachen Schichten im mittleren Teil der Schneedecke brechen, dies insbesondere in Schattenhängen. Andererseits bildet die aktuelle Schneeoberfläche aus lockerem, kalten Pulverschnee eine weitere, sehr leicht zu störende Schwachschicht für darüber gelagerten Triebschnee, dies in allen Hangrichtungen.


Die sehr kalte, lockere Schneeoberfläche wurde hier von gering mächtigem Triebschnee überlagert und konnte beim Betreten sehr leicht gestört werden. Tuxer Alpen (Foto: 07.12.2021)
Die sehr kalte, lockere Schneeoberfläche wurde hier von gering mächtigem Triebschnee überlagert und konnte beim Betreten sehr leicht gestört werden. Tuxer Alpen (Foto: 07.12.2021)


Komplexe Situation mit zahlreichen Gefahrenstellen


Die ohnehin schon sehr fordernden Situation für Wintersportler mit einem gebietsweise ausgeprägten Altschneeproblem wird nun noch von einem ebenso ernst zu nehmenden Triebschneeproblem überlagert. Dies bedeutet, dass die Gefahrenstellen im Gelände mit dem zunehmenden Windeinfluss samt Schneefall immer zahlreicher werden. Zudem beobachten wir aktuell aufgrund enormer Temperaturschwankungen Umwandlungsprozesse innerhalb der Schneedecke (gm.4 - kalt auf warm), die zeitnah neue Schwachschichten entstehen lassen können. Betroffen sind v.a. tiefe bis mittlere Höhenlagen, also Bereiche, die bisher tendenziell begünstigt waren. 


Lawinenereignisse bisher recht glimpflich ausgegangen


Während der vergangenen Tage wurden uns wieder einige Lawinenabgänge gemeldet, bei denen Personen beteiligt waren. Es dürfte zum Teil viel Glück im Spiel gewesen sein, dass nichts Schlimmeres passiert ist. So z.B. unterhalb des Gipfels des Sonntagsköpfls in den Tuxer Alpen, wo eine abfahrende Skitourengeherin total verschüttet wurde. Sie konnte von ihrem Kameraden aus 1m Tiefe ausgegraben werden und wurde während einer nächtliche Bergrettungsaktion mit einer Fußverletzung sicher ins Tal gebracht. 


Rettungsmannschaft beim Lawinenkegel. Sonntagsköpfl. Tuxer Alpen (Foto: 05.12.2021)
Rettungsmannschaft beim Lawinenkegel. Sonntagsköpfl. Tuxer Alpen. 2250m, O, 40°. Anriss teilweise bis 2m. (Foto: 05.12.2021)


FAZIT

Aktuell sollte man unbedingt über sehr gutes lawinenkundliches Wissen verfügen, wenn man im freien Gelände unterwegs sein möchte. Zu bedenken ist auch, dass weiterhin auch Fernauslösungen aus flachem Gelände möglich sind, die eine besonders defensive Routenwahl erforderlich machen. 

Nochmals wiederholt: Frischer Triebschnee wird während der kommenden Tage im ganzen Land besonders leicht zu stören sein bzw. kann sich im Steilgelände auch von selbst lösen! 


Schneefahnen kündigen bereits die Wetterverschlechterung an. Lienzer Dolomiten (Foto: 07.12.2021; (c) Thomas Zimmermann)
Schneefahnen kündigen bereits die Wetterverschlechterung an. Lienzer Dolomiten (Foto: 07.12.2021; (c) Thomas Zimmermann)

Donnerstag, 2. Dezember 2021

Alarmzeichen weisen auf eine für den Wintersportler gebietsweise angespannte Lawinensituation hin

Alarmzeichen ernst nehmen!


Der heurige Winterstart hat es bereits in sich. Nach den zwei vergangenen, markanten  Niederschlagsereignissen (26.11.-29.11. sowie 30.11.-01.12.2021) ist die Lawinengefahr - wie prognostiziert - deutlich angestiegen. Wir befinden uns im oberen Bereich der Gefahrenstufe 3 (erheblich), nahe dem "WintersportlerInnen-4er" mit einer gebietsweise hohen Auslösewahrscheinlichkeit von Lawinen.


Die im vorletzten Blogeintrag beschriebenen Schwachschichten sind nun von einer von Wind- und Wärmeeinfluss geprägten Schneedecke überlagert. (Es handelt sich dabei um den für Schneebrettlawinen notwendigen, gebundenen Schnee, das sogenannte Brett!). Dieses Brett ist aufgrund der Warmfront, die vom 30.11. auf den 01.12. übers Land zog, besonders ausgeprägt. Wir finden deshalb aktuell im Gelände viele gespannte Fallen, die gebietsweise leicht durch die Belastung von Wintersportlern ausgelöst werden können.


Alarmzeichen, wie spontane Lawinenabgänge, Fernauslösungen, Rissbildungen und Setzungsgeräusche (Wumm-Geräusche), aber auch Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung oder gute Sprengerfolge standen kürzlich bzw. stehen an der Tagesordnung: Spontane Lawinen sind dabei v.a. in der Nacht vom 30.11. auf den 01.12. abgegangen, als die Warmfront die Schneedecke massiv schwächte. Lawinen, bei denen Personen erfasst wurden bzw. unmittelbar beteiligt waren, häuften sich während des gestrigen Schönwetterfensters (01.12.2021). Ebenso wurden uns während der vergangenen Tage sämtliche andere Alarmzeichen vermehrt gemeldet bzw. haben wir diese selbst beobachtet. Zudem zeigen aktuell Schneedeckenuntersuchungen in den neuralgischen Gebieten (insbesondere, dort, wo vor den kürzlichen Schneefällen eine Altschneedecke vorhanden war) eine durchwegs hohe Störanfälligkeit mit sehr guter Bruchfortpflanzung.


Schneedeckenuntersuchungen im Arlberggebiet in der Nähe des Galzig. Der im Vordergrund ersichtliche Schneeblock löste sich bereits bei sehr geringer Störung (Propagation Saw Test). Ähnlich waren die Ergebnisse weiterer Stabilitätstests im ganzen Land. (Foto: 01.12.2021) 


Lawinenabgänge mit Personenbeteiligung


Lawine Hoadl, Kalkkögel, (Stubaier Alpen) am 01.12.2021

Am 01.12. fuhren zwei Personen auf etwa 2270m in den 35° steilen, nach NO ausgerichteten Hang unmittelbar unterhalb der Hoadl-Bergstation ein. Dabei löste sich eine Schneebrettlawine. Während eine Person ausfahren konnte, wurde die andere Person von der Lawine mitgerissen. Die Person konnte den mitgeführten Lawinen-Airbag aktivieren, wurde teilverschüttet, verletzte sich am Sprunggelenk und wurde anschließend mit dem Hubschrauber C1 in die Klinik geflogen.



Lawinenabgang Hoadl. Foto im Landeanflug des C1-Hubschraubers. Der Kreis symbolisiert die Verschüttungsstelle des Verletzten. Bei den orographisch linken Lawinen dürfte es sich um  Fernauslösungen gehandelt haben. (Foto: 01.12.2021)
Lawinenabgang Hoadl. Foto im Landeanflug des C1-Hubschraubers. Der Kreis symbolisiert die Verschüttungsstelle des Verletzten. Bei den orographisch linken Lawinen dürfte es sich um sekundäre Fernauslösungen gehandelt haben. (Foto: 01.12.2021)


Lawinenabgang Hoadl mit Einfahrtsspur und Verschüttungsstelle (Foto: 01.12.2021)
Lawinenabgang Hoadl mit Einfahrtsspur und Verschüttungsstelle (Foto: 01.12.2021)


Lawine Gamsgarten, Stubaier Gletscher, (Zentrale Stubaier Alpen) am 01.12.2021

Unmittelbar angrenzend an die Piste Nr. 3 Richtung Gamsgarten fuhren zwei Wintersportler in einen 36° steilen NO-Hang ein. Während eine Person sichtbar ganz verschüttet wurde (Snowboard schaute aus dem Schnee), wurde die zweite Person nur teilweise verschüttet. Beide Personen konnten rasch geborgen werden, wurden aber vorsorglich in die Klinik geflogen. Unserem Informationsstand dürften sie unverletzt geblieben sein. 


Lawinenabgang Gamsgarten. Nord, 2450m, 36°. Sicherheitshalber wurde der Lawinenkegel noch sondiert. (Foto: 01.12.2021)
Lawinenabgang Gamsgarten. Nord, 2450m, 36°. Sicherheitshalber wurde der Lawinenkegel noch sondiert. (Foto: 01.12.2021)


Lawine Naviser Kreuzjöchl, (Westliche Tuxer Alpen) am 01.12.2021

Direkt unterhalb des Gipfels des Naviser Kreuzjöchls löste sich auf etwa 2450m eine Schneebrettlawine, als ein einzelner Skitourengeher in den sehr steilen Hang einfuhr. Die Person wurde von der Schneebrettlawine mitgerissen und verlor dabei einen Skistock. Sie konnte anschließend unverletzt aus der Lawine ausfahren.


Lawinenabgang Naviser Kreuzjöchl. Die Pfeile zeigen auf Einfahrts- und Ausfahrtsspur. Eingefärbt ist zudem eine weitere Schneebrettlawine in der selben Hangausrichtung und Höhenlage - ein offensichtliches Warnsignal... (Foto: 01.12.2021)
Lawinenabgang Naviser Kreuzjöchl. Die Pfeile zeigen auf Einfahrts- und Ausfahrtsspur. Eingefärbt ist zudem eine weitere Schneebrettlawine in der selben Hangausrichtung und Höhenlage - ein offensichtliches Warnsignal... (Foto: 01.12.2021)


Lawine im Nahbereich der Damenabfahrt am Hoadl, (Nördliche Stubaier Alpen) am 01.12.2021


Foto einer Webcam am Hoadl Richtung Süden. Alpinpolizist Jörg Randl hat einen Skifahrer eingezeichnet...Nächstes Bild ->
Foto einer Webcam am Hoadl Richtung Süden. Alpinpolizist Jörg Randl hat einen Skifahrer eingezeichnet...Nächstes Bild -> (Foto: 01.12.2021)


Beim nächsten Bild, das 10 Minuten später aufgenommen wurde, erkennt man eine Schneebrettlawine. Die Person konnte unverletzt entkommen. (Foto: 01.12.2021)
Beim nächsten Bild, das 10 Minuten später aufgenommen wurde, erkennt man eine Schneebrettlawine. Die Person konnte unverletzt entkommen. (Foto: 01.12.2021)


Nun folgen weitere interessante Bilder von Lawinenabgängen, bei denen sich Personen zumindest in deren Nahbereich aufgehalten haben.


Webkamera-Aufnahme im Kühtai. Blickrichtung Pirchkogel (Nördliche Stubaier Alpen). Eine Person befindet sich im Aufstieg...Nächstes Bild ->
Webkamera-Aufnahme im Kühtai. Blickrichtung Pirchkogel (Nördliche Stubaier Alpen). Eine Person befindet sich im Aufstieg...Nächstes Bild ->


Eingezeichnet ist dieselbe Person wie im vorigen Bild. Im Vordergrund erkennt man Lawinenabgänge. Die Lawinen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit im nur wenig geneigten Gelände fernausgelöst worden. (Foto: 01.12.2021)
Eingezeichnet ist dieselbe Person wie im vorigen Bild. Im Vordergrund erkennt man Lawinenabgänge. Die Lawinen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit im nur wenig geneigten Gelände fernausgelöst worden. (Foto: 01.12.2021)


Selbe Örtlichkeit wie bei den letzten zwei Fotos. Die Bruchfortpflanzung dürfte bis in den hintersten Kessel stattgefunden haben. Man erkennt im felsdurchsetzten Steilgelände orographisch rechts des Sattels einen weiteren großflächigen Lawinenanriss. (Foto: 01.12.2021)
Selbe Örtlichkeit wie bei den letzten zwei Fotos. Die Bruchfortpflanzung dürfte bis in den hintersten Kessel stattgefunden haben. Man erkennt im felsdurchsetzten Steilgelände orographisch rechts des Sattels einen weiteren großflächigen Lawinenanriss. (Foto: 01.12.2021)


Alexander Blümel machte uns auf dieses Webcam-Bild im Bereich des Drei-Seen-Liftes im Kühtai aufmerksam. Personen im Nahbereich eines frischen Schneebrettabgangs, wohl auch fernausgelöst. (Foto: 01.12.2021)
Alexander Blümel machte uns auf dieses Webcam-Bild im Bereich des Drei-Seen-Liftes im Kühtai aufmerksam. Personen im Nahbereich eines frischen Schneebrettabgangs, wohl auch fernausgelöst. (Foto: 01.12.2021)


Bei der Abfahrt von der Lampsenspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen. Rechts oberhalb des Skifahrers im Schatten erkennt man Risse in der Schneedecke als Indiz einer Bruchfortpflanzung. (Foto: 01.12.2021)
Bei der Abfahrt von der Lampsenspitze in den Nördlichen Stubaier Alpen. Rechts oberhalb des Skifahrers im Schatten erkennt man Risse in der Schneedecke als Indiz einer Bruchfortpflanzung. (Foto: 01.12.2021)


Beim eingezeichneten Pfeil stand ein Skitourengeher, als sich um ihn herum dieses Schneebrett löste. Pfoner Kreuzjöchl, 2520m, Ost
Beim eingezeichneten Pfeil stand ein Skitourengeher, als sich um ihn herum dieses Schneebrett löste. Pfoner Kreuzjöchl, 2520m, Ost


Spontane Lawinenabgänge und Sprengerfolge

Sowohl aus Osttirol, als auch aus Nordtirol gingen Meldungen über, zum Teil zahlreiche Lawinenabgänge ein. Die meisten davon sind - wie schon zuvor erwähnt - während der Abendstunden des 30.11. abgegangen.


Spontanes Schneebrett im Außerfern (Foto: 01.12.2021)
Spontanes Schneebrett im Außerfern (Foto: 01.12.2021)


Spontane Schneebretter Langschneid, Defereggental (Foto: 29.11.2021)
Spontane Schneebretter Langschneid, Defereggental (Foto: 29.11.2021)



Eine von den sehr guten Sprengerfolgen im Land - Rendl am Arlberg (Foto: 01.12.2021)
Eine von den sehr guten Sprengerfolgen im Land - Rendl am Arlberg. Einzeichnet ist die Sprengvorrichtung (Foto: 01.12.2021)

Viel weniger besorgniserregend als die Schneebrettlawinen sind die ebenso beobachteten Gleitschnee- und Lockerschneerutsche.


Eingekreist sind zahlreiche Gleitschneerutsche auf steilen Wiesenhängen im Außerfern. (Foto: 01.12.2021)
Eingekreist sind zahlreiche Gleitschneerutsche auf steilen Wiesenhängen im Außerfern. (Foto: 01.12.2021)



Lockerschneerutsche aus extrem steilem Gelände. Zudem erkennbar. Der massive Windeinfluss während des vergangenen Schneefalls. Arlberggebiet (Foto: 01.12.2021)
Lockerschneerutsche aus extrem steilem Gelände. Zudem erkennbar. Der massive Windeinfluss während des vergangenen Schneefalls. Arlberggebiet (Foto: 01.12.2021)


Wetterrückblick und Vorausschau

Für ein besseres Bild der kürzlichen Wetterentwicklung hier noch ein paar Karten und Grafiken...


72-Stunden Schneedifferenz 26.11.-29.11.. Der Südosten war diesbezüglich bevorzugt.
72-Stunden Schneedifferenz 26.11.-29.11.. Der Südosten war diesbezüglich bevorzugt.

72-Stunden Schneedifferenz 29.11.-02.12.2021. Die Werte sind unterrepräsentiert, da sich die Schneedecke ab dem 01.12. zum Teil gut setzte.
72-Stunden Schneedifferenz 29.11.-02.12.2021. Der Norden und Westen waren bevorzugt. Die Werte sind unterrepräsentiert, da sich die Schneedecke ab dem 01.12. zum Teil gut setzte.


Spitzenreiter bei dem letzten Niederschlägen war die Station Alphütte im Mieminger Gebirge.
Spitzenreiter bei dem letzten Niederschlägen war die Station Alphütte im Mieminger Gebirge.


Bezeichnend: Steter Schneehöhenanstieg samt anschließendem Abfall aufgrund der massiven Erwärmung samt Setzung der Schneedecke. Auf den Bergen zum Teil stürmisch. Inzwischen wieder kühler und windschwächer.
Bezeichnend: Steter Schneehöhenanstieg samt anschließendem Abfall aufgrund der massiven Erwärmung samt Setzung der Schneedecke. Auf den Bergen zum Teil stürmisch. Inzwischen wieder kühler und windschwächer. 


Der Wetterausblick kann kurz gehalten werden. Es geht sehr wechselhaft weiter mit einem steten Anstieg und Abfall der Lufttemperatur, immer wieder Niederschlägen mit unsicherer Prognose der Mengen. Nach einem schönen Freitag, 03.12. und einer klaren Nacht auf 04.12. ist für Samstag Früh eine Warmfront prognostiziert. Die Temperatur soll entsprechend markant ansteigen. Schneefallgrenze noch unsicher, vermutlich um 1500m.


FAZIT 

Zurückhaltung und Erfahrung

Schönwettertage, wie der morgige Freitag, 03.12. sind bei einer für den Wintersportler gebietsweise angespannten Lawinensituation besonders unfallträchtig. Wir raten deshalb weiterhin, möglichst defensiv unterwegs zu sein. Zudem sollte man derzeit im freien Skigelände unbedingt über sehr gutes lawinenkundliches Wissen verfügen.


Mäßig steiles Wiesengelände in den schneereicheren Regionen als ideales Ziel zum Naturgenießen und "Auspowern"...
Mäßig steiles Wiesengelände in den schneereicheren Regionen als ideales Ziel zum Naturgenießen und "Auspowern"...

Wenig Schnee und DOCH ein "gespannter" 3-er

Oftmals werden wir mit der Meinung konfrontiert, dass bei einer gering mächtigen Schneedecke die Lawinengefahr ja nicht allzu hoch sein könne. Aktuell ist genau das Gegenteil der Fall: Die in der Schneedecke vorhandene Schwachschicht kann aufgrund der nicht allzu mächtigen Schneeauflage besonders leicht gestört werden. Erst wenn die Schwachschicht von zumindest 75cm stabilem Schnee überlagert ist, hat das Gewicht eines Wintersportlers kaum oder gar keinen Einfluss mehr. Aktuell passen Schwachschicht und Brett leider gut zusammen: Eine ausgeprägte, zum Teil flächig vorhanden Schwachschicht und ein ebenso gut ausgeprägtes, große Flächen umspannendes, nicht allzu mächtiges Brett!


Auch wenn noch das Gras aus der Schneedecke ragt, kann es bereits brandgefährlich sein. Anriss einer spontanen Schneebrettlawine im Arlberggebiet (Foto: 01.12.2021)
Auch wenn noch das Gras aus der Schneedecke ragt, kann es bereits brandgefährlich sein. Anriss einer spontanen Schneebrettlawine im Arlberggebiet (Foto: 01.12.2021)