Donnerstag, 10. Januar 2019

Viel Neuschnee und Wind verursachen heikle Lawinensituation

Aktuelle Situation

Die Lawinensituation ist derzeit insbesondere in Nordtirol aber auch im Norden Osttirols als heikel einzustufen. Die Gefahr geht von umfangreichen Triebschneepaketen aus, welche an allen Expositionen im Bereich der Waldgrenze und darüber, insbesondere in Rinnen, Mulden und hinter Geländekanten, anzutreffen sind. In den Bergen ist es weiterhin kalt, der Triebschnee bleibt dadurch störanfällig und ist bereits von einzelnen Wintersportlern leicht auslösbar. Da der Wind seit gestern Abend, 09.01. allmählich abgeflaut ist, sind die Triebschneeansammlungen zudem oft überschneit und schwierig zu erkennen.

Der morgige Freitag, 11.01. verspricht in Nordtirol zum ersten Mal seit längerer Zeit wieder etwas sonniger zu werden. In Kombination mit dem oben beschriebenen Schneedeckenaufbau erwartet uns ein durchaus risikoreicher, unfallträchtiger Tag. Wir empfehlen bei Wintersport abseits der gesicherten Pisten, möglichst defensiv unterwegs zu sein. Unerfahrene Personen sollten unbedingt auf den gesicherten Pisten bleiben.

Weiterhin sind mit der morgigen Sonneneinstrahlung aus sehr steilen Sonnenhängen (speziell der Sektor SW über S bis SO) vereinzelt noch spontane Lawinen zu erwarten. Diese können in den Hauptniederschlagsgebieten entlang der Grenze zu Bayern auch groß bis sehr groß werden (Lawinengrößen). 

Die Schneedecke bleibt weiterhin störanfällig  (Nordkette) (Foto: 09.01.2019)

Die Schneedecke ist bis in die Tallagen für diese Jahreszeit meist überdurchschnittlich mächtig. Gleitschneelawinen auf steilen Grashängen können deshalb durchaus beachtlich groß werden und sowohl eine Gefahr für Wintersportler, aber auch für Verkehrswege und Gebäude darstellen. Das Problematische dabei: Gleitschneelawinen sind unberechenbar und können zu jeder Uhrzeit am Untergrund abgleiten. Zonen unterhalb von Gleitschneerissen sollten gemieden werden.

Hohes Gefährdungspotenzial durch Gleitschneelawinen  in weiten Teilen Tirols, wie hier in den Tuxer Alpen. Der Gleitschneeriss ist entgegen einer weit verbreiteten Meinung kein Entspannungszeichen, sondern ganz im Gegenteil, in den meisten Fällen eine Vorankündigung einer Gleitschneelawine. (Foto: 08.01.2019)

In Osttirol, südlich des Alpenhauptkammes und nördlich der Drau, ist neben störanfälligen Triebschneepaketen immer noch ein Auslösen von Lawinen im Altschnee denkbar. Potenziell aktiv ist hier weiterhin vor allem eine Schwachschicht aus kantigen Kristallen, welche sich an der Schmelzkruste vom 6. Dezember gebildet hat (GM4). Gefahrenstellen liegen an allen Expositionen zwischen etwa 2200m und 2700m und allgemein in sehr steilem Gelände. Die Schwachschicht kann meist nur noch mit großer Zusatzbelastung gestört werden. Schneearme Stellen können jedoch sogenannte "hotspots" darstellen, wo eine Auslösung auch bei geringer Belastung möglich erscheint.

Der viele Schnee birgt zur Zeit nicht nur als Lawine eine Gefahr für den Wintersportler: Unfälle in Salzburg und der Schweiz haben gezeigt, wie schnell ein Skiunfall im metertiefen, ungebundenen Neuschnee in einer Tragödie enden kann. Beim Sturz im Tiefschnee kann es schwierig sein, sich selbst zu befreien. Ist der Kopf unterhalb des Schnees, kommt die Erstickungsgefahr hinzu. Hier gilt es, sich gegenseitig im Auge zu behalten, um im Fall der Fälle schnell reagieren zu können. Wie in einer Lawine, bleiben den Verunfallten hier oft nur wenige Minuten. Und sollte eine Person nicht mehr auffindbar sein, dann hilft das Lawinenverschüttungsgerät bei der Suche.

Sperren müssen unbedingt beachtet werden! (Foto: 10.01.2019)

Rückblick

Neuschneereiche und stürmische Tage liegen hinter uns. Seit neuerlichem Einsetzen der Schneefälle am Dienstagmorgen, 07.01. ist in weiten Teilen Tirols viel frischer Schnee dazugekommen. Am meisten geschneit hat es im Nordstau, von den Lechtaler und Allgäuer Alpen über das Karwendel bis hin zum Wilden Kaiser. Wie so oft im bisherigen Winter wurde der Niederschlag von teils stürmischem Wind begleitet.

Gesetzte Neuschneemenge von Montag, 07.01. bis Donnerstag 10.01.

Stürmischer Wind aus nordwestlichen Richtungen.

Stürmisch: Stubaier Gletscher. (Foto: 07.01.2019)

Interessante Auswirkungen der extremen Schneehöhen: Seit 05.01. wurde der Temperatursensor auf der Seegrube eingeschneit. Dieser liegt offenbar schon 108cm unterhalb der Schneeoberfläche.

Am intensivsten war der Schneefall in der Nacht auf Mittwoch, 09.01. sowie in den darauffolgenden frühen Morgenstunden. In diesen Zeitraum fällt auch der Höhepunkt der spontanen Lawinenaktivität. Der lockere Neuschnee wurde in der Sturzbahn von Schneebrettlawinen mitgerissen, sodass sich diese in extrem steilem Gelände oftmals zu imposanten Staublawinen entwickelten.

Alle, uns bisher bekannten Lawinen, welche auf Straßen abgingen, waren Gleitschnee- oder Lockerschneelawinen. Am morgigen Freitag, wenn die Sicht besser wird, bekommen wir dann ein umfassenderes Bild der Situation.

Eine Gleitschneelawine verlegte eine Gemeindestraße im Ortsteil "Astegg" in Finkenberg. (Foto: 07.01.2019)

Am Mittwoch, 09.01. kam es zudem zu einem Lawinenunfall im Zammermoos unterhalb des Galzigs im freien Skiraum des Skigebiets St. Anton am Arlberg. Ein 16-jähriger Australier verlor dabei sein Leben. Die Lawine war ca. 140m lang, durchschnittlich etwa 45m breit und löste sich in 45 Grad steilem Gelände. Der Anriss der Lawine variierte zwischen etwa 20cm und etwas über 1m (Details wie immer auf LAWIS). Als Schwachschicht diente eine sehr dünne Schicht aus kantigen und filzigen Kristallen, welche sich erst kürzlich aufgrund von Temperaturunterschieden während des Schneefalls gebildet hatte (Gefahrenmuster gm.4 - kalt auf warm). Zudem konnte in oberflächennahen Schichten auch Graupel ausfindig gemacht werden, jedoch nicht so ausgeprägt, als dass sie als primäre Schwachschicht in Frage gekommen wären.

Lawinenabgang Zammermoos vom 09.01.2019. Eingezeichnet ist die Verschüttungsstelle. (Foto: 10.01.2019) 

Bei der relativ nahe der Unfallstelle gelegenen Wetterstation Ulmerhütte erkennt man sehr gut Temperatursprünge während der vergangenen Woche, eine Voraussetzung für das Gefahrenmuster kalt auf warm.

Während Nordtirol gebietsweise im Schnee versank, war der Süden extrem benachteiligt. Wenn auch die Niederschläge der letzten Tage zum Teil bis in die Dolomiten durchdrangen, so waren die Neuschneemengen in diesen Gebieten sehr bescheiden. (Connyalm: 7cm; Porzehütte: 2cm).

Sehr niederschlagsarm: Unser Beobachter in Obertilliach wartet weiterhin auf den ersten großen Schneefall des Winters.

Sehr niederschlagsreich: In den vergangenen 7 Tagen wurden am Pillersee in den Waidringer Alpen an die 140mm Niederschlag gemessen.

Ausblick

Wie bereits oben kurz erwähnt, kommt es am morgigen Freitag, 11.01. zu einer vorübergehenden Wetterberuhigung. Der Wind bläst meist schwach bis mäßig aus nördlichen Richtungen, am Alpenhauptkamm sowie in Osttirol nördlich der Drau etwas stärker. Aufgrund der kalten Temperaturen kommt es jedoch zu keiner wesentlichen Entspannung der Lawinensituation, bevor sich am Samstag mit leichtem Schneefall und zunehmendem Wind die nächste Front ankündigt.
Ernst wird es aus heutiger Sicht vor allem wieder am Sonntag und Montag. Es erwarten uns aller Voraussicht nach erneut heftige Schneefälle, welche insbesondere am Arlberg sowie entlang des Alpenhauptkammes zu großen Neuschneemengen führen könnten.

Ein Update folgt in den nächsten Tagen...


Die Schneedecke wird Anfang der nächsten Woche weiter anwachsen. Nordkette (Foto: 10.01.2019)